ein Nein ist ein Nein ist ein …

Hochgradig subjektiv sind Grenzen das Produkt unserer Erfahrungen, Normen und Werte. Was für die einen ein absolutes No-Go ist, stellt für die anderen vielleicht gar kein Problem dar. Grenzen sind Schutzwälle, unsere Comfort Zone, geben Sicherheit. Vorausgesetzt sie können kommuniziert werden. Vorausgesetzt sie werden von den Menschen in unserem sozialen Umfeld akzeptiert. Vorausgesetzt wir sind in der Lage sie im Zweifelsfall zu verteidigen.

Doch wie erkenne ich Grenzen und warum nehme ich oft nicht rechtzeitig wahr, dass ein Mensch meine persönlichen Grenzen überschreitet?

Leider gehöre ich zu jenen Leuten, die sowohl Schwierigkeiten mit dem Spüren eigener Grenzen als auch mit dem Verteidigen dieser haben. Ich habe es verlernt auf meinen Körper zu hören, wenn er mir sagt: „Stopp, bis hier hin und nicht weiter!“. Interessanterweise wird besonders in Gesprächen mit den weiblich Sozialisierten in meinem Umfeld deutlich: Ich bin nicht der_die einzige, dem_der es so geht.

„Sei doch nicht so empfindlich!“

Von klein auf lernt man, Grenzüberschreitungen zu ertragen, zu tolerieren, um nicht der_die „Prüde/Zimperliche/Schwache“ zu sein. Lernt, das eigene Unbehagen zu unterdrücken, wegzulächeln, das sich auftut, wenn einem der 30 Jahre ältere Fahrlehrer einen Spruch über das „schicke kurze Röckchen“ drückt, der Kommiltone rape jokes macht, der Dozent dir wie zufällig, während er beim Erklären hinter dir steht, eine Hand auf die Schulter legt. Solange bis es nicht mehr wehtut. So verlieren wir im Laufe der Zeit jegliches Gefühl dafür, was wir eigentlich selbst als okay empfinden und was wir okay finden müssen, weil es uns von außen aufgedrückt wird. Öffnen langsam aber sicher unsere Grenzen immer weiter, werden verletzlich und angreifbar. Fühlen uns schlecht, wenn wir es mal wieder nicht geschafft haben, uns durchzusetzen.

Aber: Grenzen sind nicht statisch, nicht unveränderlich. Können sich in die eine oder andere Richtung wandeln. Was offen, verletzlich, angreifbar ist, kann wieder geschützt werden. Wer verlernte sich zu schützen oder vielleicht nie gelernt hat, die eigenen Grenzen zu spüren, kann es durch Übung, Aufmerksamkeit und Geduld schaffen, erst einmal (wieder) wahrzunehmen, wo die eigenen psychischen und physischen Grenzen liegen. Geduld ist in diesem Fall das Zauberwort: Wo es Jahre der (Selbst-)Konditionierung brauchte, um zu werden, wie wir sind, lassen Grenzen und Schutzwälle sich nicht innerhalb von Minuten neu errichten. Ich habe zwar kein Allheilmittel parat und stecke selbst noch mitten im „Prozess des Erkennens“, versuche aber mal anhand eines Beispiels zu erklären, welche Techniken mir dabei helfen, zu erfahren, dass es tatsächlich möglich und in Ordnung ist „Stopp“ zu sagen.

Situationen achtsam wahrnehmen

Stell dir vor du hast Hunger, Bock auf Falafel und möchtest heute einmal den neuen Imbiss um die Ecke ausprobieren. Kaum drin, fällt dir der penetrant-musternde Blick des Menschen hinter der Theke auf. Du bestellst deine Falafel und während du wartest, fängt die Person hinter der Theke an, dir Fragen zu stellen: „Wie heißt du, wohnst du hier in der Nähe, wohnst du allein, arbeitest du, wo arbeitest du?“ Du möchtest diese Fragen nicht beantworten, da sie dir zu intim sind. Was dich dazu bringt es trotzdem zu tun, ist deine Höflichkeit, das erlernte „bloß-nicht-zickig-werden“-Programm. Du antwortest kurz und ziehst dich mit Smalltalk aus der Affäre. Der Mensch hinter der Theke zieht alle Register: „Wenn ich eine Freundin wie dich hätte, wäre mein Leben perfekt!“ Du lächelst es weg. Trotzdem gibst du mehr preis als du wolltest. Du verlässt den Laden mit Falafel in der Hand und der Hunger ist dir vergangen.

Aufhören im Stand-by-Modus mitzuspielen

Was mir weiterhilft, ist erst einmal einfach nur zu beobachten, welche Gefühle die Situation im Nachhinein in mir auslöst. Bist du zufrieden mit dem Gespräch, der Rolle, die du eingenommen hast? Alles super. Du ärgerst dich über dich selbst, fühlst dich passiv und überfordert? Dann ist es an der Zeit, das Programm umzuschreiben. Das Wahrnehmen der eigenen negativen Gefühle ist der erste Schritt in die richtige Richtung. Je mehr ich sie mir bewusst mache, nach vorne zerre, sie aus der Versenkung hole, desto eher fällt mir auf, wie oft sich diese Gefühle in meinem Alltag wiederholen. Durch aktives Wahrnehmen wächst der Impuls, etwas verändern zu wollen.

Gedankenexperiment

Der nächste Schritt, der mir hilft die Kontrolle wiederzuerlangen, ist es, mir zu überlegen wie ich gerne gehandelt hätte, um die Situation für mich selbst angenehmer zu gestalten. Wenn du keine Ahnung hast, stell dir vor, wie eine Person, die du für durchsetzungsfähig hältst, die Situation gelöst hätte. Mit welchen Möglichkeiten Grenzen zu artikulieren, fühlst du dich wohl? Am Anfang reicht es vielleicht schon auf eine Frage, die dir unangenehm ist, mit einer Gegenfrage zu antworten. Taste dich langsam vor. Erst einmal nur in Gedanken. Spiele die Situation in deinem Kopf durch bis du einen Ansatz gefunden hast, der für dich passt.

Übung, üben, üben

Vermeidung ist keine Option. Denn: Ich will meine Falafel und ich will sie verdammt nochmal in diesem Laden kaufen, weil kein verdammter Laden in meinem verdammten Viertel so verdammt gute Falafel macht wie dieser. Du hast ein Recht auf eben diese Falafel aus eben diesem Laden – lass dir nichts anderes einreden! Du überwindest dich also und gehst ein paar Tage später wieder hin. Doch etwas hat sich verändert: Du nimmst die Situation vor dem Hintergrund deiner Gedankenexperimente anders wahr, bist dir deiner negativen Gefühle bewusst, die diese Person mit ihren Fragen und Blicken in dir auslöst. Du schiebst es nicht weg. Auch wenn du es dieses Mal noch nicht schaffst, deinen Plan, den du dir so schön zurechtgelegt hast, durchzusetzen, bist du kein passiver Spielball mehr, sondern fängst an deine Position zu verändern. Du wirst merken, dass sich in dir Wut oder Genervtheit regt: „Warum lasse ich es zu, dass diese fremde Person so viel Raum in meinen Gedanken einnimmt“? Ganz einfach: Weil du es tolerierst, dass sie dir auf den Füßen rumtrampelt.

Genervtheitslevel 3.000+

Es gibt sicherlich elegantere nächste Schritte, bis dato ist es in meinem Fall aber so, dass ich irgendwann an einen Punkt komme, an dem ich keine Lust mehr habe, mich weiter gedanklich mit der Situation zu befassen. Keine Lust mehr habe, mich lächelnd rauszuziehen, während ich innerlich explodiere. „Noch eine Frage, und dann…“, denke ich mir.

„Hast du einen Freund?“

Die Frage des Menschen hinter der Theke reißt mich aus meinen Gedanken.

„Mh?“, mache ich. Sicherheitshalber.

„Ob du einen Freund hast, hab ich gefragt!“

„Das… das geht dich nichts an“, sage ich, viel zu leise, und merke, dass ich anfange zu zittern. Puh.

„Was hast du gesagt?“

„Ich sagte: ‚Das geht dich nichts an‘.“ Ich atme tief durch. Nicht einknicken.

„Stell dich doch nicht so an! Sag doch mal. Warum willst du mir das nicht verraten?“ Offensichtliche Irritation hinter der Falafel-Theke.

„Ganz einfach: Weil es DICH NICHTS ANGEHT.“ Laut und deutlich dieses Mal.

Ein irritierter Blick hinter der Theke. „Mh. Okay. Cocktail-Sauce oder Tzatziki?“ Ewas kleinlaut klingt die Frage.

„Doppelt Tzatziki. Vielen Dank.“

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http://notjanina.com/2016/09/05/ein-nein-ist-ein-nein-ist-ein/

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