Bayern ist anders – Impressionen aus München

„Bayern ist einfach anders“. Das sagte mir ein ganzer Haufen Menschen vor meinem Umzug. Manche meinten dies in einem durchaus positiven Sinne, sprachen von der wunderbaren Landschaft, den regionalen Spezialitäten. Andere hatten ein weniger positives Bild vom Freistaat und seinen Bewohner*nnen. Da ich an derartige Miesmacher_innen-Kommentare schon aus der Zeit vor meinem Umzug nach Ostwestfalen-Lippe gewöhnt war („diese Ostwestfalen gehen zum Lachen in den Keller, pass bloß auf! Wir Dortmunder*innen sind da ja ganz anders!“), beschloss ich, alles Negative erst einmal an mir abprallen zu lassen und mir selbst eine Meinung zu bilden.

Nun kann ich nach meiner kurzen Zeit in Süddeutschland nicht von mir behaupten, mir eine fundierte Meinung über unsere bayerischen Freund*innen bilden, geschweige denn erlauben zu können. Fest steht jedoch bereits nach sechs Tagen: Ja, das Leben in der bayerischen Landeshauptstadt und die Menschen, ihre Mentalität, die Kleidung, der Umgang miteinander, sind anders. Verwirrend, voller Kontraste, oft gewöhnungsbedürftig für mich als frisch Zugezogene.

„Also hörens moa, hier ist Poarkverboat! Hier könnens net stehen bleiben!“ Das ist die Begrüßung, die mir entgegengeschleudert wurde, als ich mit Opa und Stiefvater im Schlepptau nach sechs Stunden Fahrt aus dem gemieteten Transporter stieg.

„Ja, ich sehe, dass hier eine Einfahrt ist, aber wir müssten einmal schnell den Wagen entladen, weil wir den gleich wieder zurückbringen müssen.“

Der Mann in Lederhose und mit Backenbart schaut mich ungehalten an. „Also da müssens sich aber wirklich beeilen. Des is oa Einfoahrt.“

„Ja, das sehe ich. Vielen Dank. Es gibt aber keine andere Parkmöglichkeit. Wenn jemand reinfahren möchte, machen wir Platz“, sage ich und fange an Kartons zu entladen.

Backenbart beobachtet mich misstrauisch. „Noa, und wo wir scho mal doabei san: Wir prrraktizieren in diesem Hause strrrrrikte Mülltrennung, das des schoa mal kloar is. Habens denn ne Biotonne? Die müssens sich holen. Unbedingt und schnellstmöglich.“

Hier herrscht noch Zucht und Ordnung!

Mit einem dezenten Augenrollen verabschiede ich Herr Backenbart (mittlerweile weiß ich, dass es sich hier um den Hausverwalter handelt, nicht zu verwechseln mit den schnöden Hausmeister_innen, die sich in meinem Riesenwohnkomplex zuhauf tummeln), überlasse das weitere Ausladen erst einmal den mir lieberweise unter die Arme greifenden mitgebrachten Menschen und warte auf den Vermieter zur Schlüsselübergabe.

Um die Ecke biegt ein Mensch im perfekt sitzenden Anzug, der sich mit der Selbstsicherheit der Priviligierten bewegt. Ich nehme wahr, wie er von weitem mein vom Be- und Entladen staubiges Band-Shirt mit den abgeschnittenen Ärmeln mustert. Meine schwarzen Augenringe, die das Resultat chronischen Schlafmangels in den letzten Wochen sind, registriert.

„Grüß Gott, Sie sind Frau O.?“

„Hallo, Herr M. Schön Sie kennenzulernen.“

„Der Verkehr in München ist um diese Zeit im Jahr der Woahnsinn, soag I Ihnen. Des is so, wenn Wiesn is. Habens denn gut hergefunden? Kein Stau? Ja, wunderbar.“

Der Blick wandert mehr oder minder unauffällig zu meinen Tattoos.

„Is ja oach a nette Gegend hie. Direkt am alten Friedhof. Da könnens wunderbar spazieren gehen, des wär ja wohl was für Sie?“, sprichts und lacht laut.

Selten so gelacht. Was für ein Scherzkeks.

Berlin, not Munich

Die nächsten Tage verschwimmen in einem Meer aus Kartons, Müllsäcken, Wandfarben. Meine Wohnung verlasse ich nur, um Müll (ordnungsgemäß getrennt!) zu ent- oder etwas zu essen im Hipster-Burgerladen um die Ecke zu besorgen. Das erste Mal Luft, um meine Umgebung etwas bewusster wahrzunehmen, habe ich am Montag, fünf Tage nach meinem Einzug. Das erste Mal seit Wochen Zeit, um mich zu schminken, etwas Schönes anzuziehen, die Haare zu machen.

Ich beschließe aus Internetmangel in meiner Wohnung zur Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) zu fahren. Wikipedia sagt: Die BSB ist eine der „bedeutendsten europäischen Forschungs- und Universalbibliotheken mit internationalem Rang“. Und, meine Güte: Du hast nicht zu viel versprochen, Internet. Aber dazu später mehr.

In der U-Bahn sitze ich gegenüber von zwei Englisch sprechenden Menschen. Der eine, ein älterer Herr, scheint zum ersten Mal in München zu sein. Freundlich lächelnd mustert er mich und wendet sich an seinen Begleiter:

„Pretty. Is this how people in Munich dress?“

„Not really. That’s not Munich style,“ entgegnet dieser. „This is Berlin.“

Beide lächeln mich milde an. Ich starre aus dem Fenster. Tja, schade. Da habe ich styletechnisch wohl noch eine Anpassungsleistung zu erbringen.

Angekommen in der BSB und erst einmal erschlagen vom Marmor, dem Blattgold, den Säulen. Respekteinflößend. 1558 gegründet, befinden sich mehr als 10 Mio. Bücher in ihrem Bestand, was sie zur drittgrößten Bibliothek Deutschlands macht. Ein Hauch von Prestige weht durch das Gewölbe. Auch die Menschen, die hier studieren und arbeiten sind mehrheitlich und im Vergleich zu anderen Bibliotheken, die ich bis jetzt besucht habe, elegant gekleidet und sehen aus, als würden sie hier hingehören. Ich fühle mich fremd und verlaufe mich auf dem Weg zu den Schließfächern, stehe vor der Toilette. Auch gut.

Im Vorraum steht vor dem Spiegel eine Frau, die sich die Haare schneidet. Ich nehme es zur Kenntnis und verschwinde kurz. Als ich wiederkomme, ist die mit ihrem Haarschnitt Beschäftigte immer noch im Vorraum. Dazugekommen ist eine Putzkraft, die die Waschbecken reinigen möchte.

„Also hören Sie mal, wenn Sie hier so hinter einem stehen, dann macht mich das ganz bekloppt. Machen Sie Ihre Arbeit doch woanders, anstatt hier so doof rumzustehen und auf mich zu warten“, keift die Haarschneidende. Die Putzfrau und ich schauen einander kurz geschockt an. Sie sagt nichts, ich kann meine Klappe nicht halten.

„Tja, vielleicht sollten Sie sich einfach mal überlegen sich die Haare woanders zu schneiden?! Zuhause oder beim Friseur vielleicht?“

Wütend wirft sie die Schere in ihre Handtasche, kommt ein paar Schritte auf mich zu. „Toll, Prügel in meiner ersten Woche in Bayern. Und das auch noch in den heiligen Hallen der BSB“, denke ich mir. „DAS IST NICHT WITZIG!“, motzt sie mich an und stürmt aus dem Raum. Entschuldigend lächele ich die Putzfrau an. „Machen Sie sich nichts draus. Manche Leute sind komisch drauf.“ Sie lächelt kurz zurück, schaut auf den Boden, sagt nichts.

Éclat in der BSB

Nach einigen Stunden im Lesesaal beschließe ich eine Pause im StaBi Café  der hauseigenen Cafeteria  zu machen. An der Kasse flirte ich ein wenig. Dazu Strudel und Kaffee, beides köstlich. Ich fange an mich wohler zu fühlen. Neben mir nehmen zwei Studierende, die ungefähr in meinem Alter sind, Platz. Sprechen vom Physikum, ihrer asymptotischen Lernkurve. Der anwesende Herr scheint sich gerne reden zu hören und belehrt seine Begleiterin, als sie ihm anbietet ihm eines ihrer Bücher zu überlassen: „Nein, bitte schenk mir das Buch nicht, das hat so eine romantische Konnotation. Wie, du hast das nur als Hardcover?! Ich lese ja nur noch digital“.

Ich beginne es zu bereuen, meine Kopfhörer nicht dabei zu haben. Weiter geht es: „Kommst du heute mit zu Maredo? Kennst du nicht? Ganz exzellentes Steak dort! [Anm. d. Verf.: Darüber lässt sich streiten.] Wo sind wir stehen geblieben? Ach ja, Praktikum. Steht ja bald an. Ich mache meins in der Psychiatrie. Hauptsache da laufen keine Süchtigen rum, die sind so eklig infektiös. Gib mir ein paar Borderliner*innen, die sich die Arme aufschneiden, wirf ein paar richtig suizidgefährdete Depressive dazu, noch nen Manischen und ne*n Schizophrene*n, dann haste schon ne geile Mischung.“

Geile Mischung?

Mir wird schlecht. Ich schiebe Strudel und Kaffee weg, schaue seine Begleiterin an. Sie schaut peinlich berührt zurück. Ich merke, dass sich meine Augen mit Tränen füllen. In meinem Kopf Stimmen, die mir sagen, dass ich nicht hier hergehöre, niemals hier hergehören werde. Ich schlucke es runter. In der BSB weint man nicht, in der BSB straft man empathielose Arschlöcher mit eiskalten Blicken. Das Gespräch der beiden reißt ab. Ich stehe auf und wechsle demonstrativ den Platz. „Bitte überdenke deine Berufswahl“, hätte ich gerne gesagt.

Äußerst anstrengend, diese erste Bayern-außerhalb-der Tourismus-Blase-Erfahrung. Ich lasse es für heute gut sein. Auf dem Weg nach Hause noch schnell in den Supermarkt. An der Kasse in der Schlange vor mir eine offensichtlich geistig verwirrte Frau in abgetragener Kleidung, die nach Pisse stinkt und Selbstgespräche führt. Hinter mir ein Mann im höchstwahrscheinlich maßgeschneiderten grauen Jackett, das makellos auf Hose und Wildlederschuhe in Erdtönen abgestimmt ist. Er duftet nach teurem After Shave von Chanel. Haare und Manschettenknöpfe sitzen perfekt.

Wo bin ich hier gelandet?

Facebook
Twitter
Google+
http://notjanina.com/2016/09/20/muenchen-impressionen/

Kommentier mich!

Was denkst du?

ohjeh, es tut mir leid, dass du es hier so empfindest. Bayern sind oft ein wenig gewöhnungsbedürftig. Es gibt sicher viele Mitstudenten, die auch zugereist sind.
Liebe Grüsse,
Isabelle

Hallo Isabelle, danke für deinen lieben Kommentar 🙂 Ich hoffe, dass ich mich nur noch ein wenig eingewöhnen muss und mich hier dann hoffentlich schon bald etwas wohler fühlen werde. Gerade erlebe ich noch einen Kulturschock 😉 Das ist aber bestimmt anfangs normal.
Viele Grüße,
Janina

Genau so versuche ich es auch zu sehen 🙂 Danke dir!