Authentisch mit Rissen

Das Adjektiv „authentisch“ kommt vom griechischen authentikós und bedeutet „echt“. Synonyme sind unter anderem genuin, original und unverfälscht, sagt der Thesaurus. Voraussetzung für Authentizität – also für ein Leben im Einklang mit eigenen Überzeugungen – ist es, ein Bewusstsein darüber zu haben, dass ich „Ich“ bin. Seelische Vorgänge als zugehörig zum Ich* zu erleben. Aber ist es überhaupt möglich, authentisch, und demnach ehrlich im Umgang mit sich selbst und anderen zu sein, wenn Ich* nicht als kohärent, sondern als „brüchig“, desintegriert, fragmentiert erlebt wird?

Bereits 1893 fasste Pierre Janet den Verlust oder die Einschränkung der integrativen Funktionen des Bewusstseins unter dem Begriff Dissoziation zusammen. Prinzipiell ist Dissoziation ein Prozess, den jede_r schon einmal im Alltag erfahren hat. Es ist das Gefühl, auf Autopilot zu schalten, Tagzutäumen, aber auch extrem fokussiert zu sein. Bestimmte, unwesentliche Reize werden dabei ausgeblendet, damit sie uns nicht überfluten. So weit, so unpathologisch. Pathologische Dissoziation ist jedoch qualitativ anders und hat meist mit Traumaerfahrung(en) zu tun.

Im Kontext von Trauma ist Dissoziation erst einmal ein Überlebens- und Bewältigungsmechanismus, der durch Desintegration und Fragmentierung des Bewusstseins dabei hilft, unerträgliche Situationen zu überstehen und ein weiteres Überleben und Funktionieren im Alltag ermöglicht. Eben dieses während des Traumas hilfreiche Abspalten, mithilfe dessen bestimmte Gefühle, Gedanken und Empfindungen überlebbar gemacht werden, verhindert später die konstruktive Bewältigung des Erlebten und seine Speicherung im autobiografischen Gedächtnis. Es entsteht ein Bruch, der sich im Hier und Jetzt auf unmittelbare Empfindungen und die Erinnerung der Vergangenheit auswirkt. Auf die Wahrnehmung des Selbst und der Umgebung. Die Identität.

Die möglichen Folgen: Erinnerungslücken, Zeitverluste, das Gefühl des Lostgelöstseins oder der Entfremdung vom eigenen Ich*, „neben sich“ zu stehen. Sensorische Unempfindlichkeit, emotionale Taubheit, Kontrollverlust über Körper und/oder Sprache. Wo bei nicht unter Traumafolgen leidenden Menschen eine einheitliche Identität und eine Persönlichkeit mit einem kohärenten Selbstbewusstsein existiert, entwickelt sich im Zuge traumabedingter Dissoziation eine Identitätsunsicherheit. Im weiteren biografischen Verlauf und je nach Schwere der traumatischen Erfahrung(en) können sich verschiedene dissoziierte Ego-States mit entsprechenden Gefühlen, Erfahrungen, Erinnerungen und eigenständigen Identitäten ausbauen.

So weit die grobe wissenschaftliche Erklärung für das, was Therapeut_innen meinen, wenn sie von Dissoziation sprechen. Wie es sich anfühlt mit einem „brüchigen“ Selbst zu leben, sich selbst* eben nicht als Einheit, als kohärentes Ich* zu erfahren, erschließt sich den Wenigsten. Und ich* stelle mir die Frage, wie „echt“, wie authentisch ich* sein kann, wenn ich* Identität nicht festhalten kann. Wenn Ich* wieder einmal die Umwelt als unwirklich, künstlich erlebt. Wenn Ich* als Roboter durch die Münchner Innenstadt läuft und sich selbst* fremd ist, an unsichtbaren Fäden nach vorne gezogen wird. Weiterlaufen muss, sprechen muss, reagieren muss. Ich* sein und bleiben muss, damit sie nicht nach außen scheint, die Brüchigkeit, die Inkohärenz, die Instabilität. Wie es ist, die im Kopf durcheinander schreienden Ich*-Anteile nach unten zu drücken, auf ihrem Platz zu halten, wenn sie Kontrolle übernehmen wollen, nichts anderes wollen, als den Körper sicher nach Hause zu schaffen, zurück in die Stille, die vertraute Umgebung.

Wie es sich anfühlt, werde ich* gefragt. Es laugt aus, verunsichert, beschämt, macht klein, krank, anders, abhängig, passiv, schutzlos, müde. Gräbt eine unüberwindbare Schlucht zwischen mir* und dir*.

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http://notjanina.com/2016/09/30/authentisch-sein/

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