Dark Gay Munich

Freitagabend ist Ausgehabend. Zeit also für eine neue Runde Clubkultur-Erforschen in der bayerischen Landeshauptstadt. Als „nicht-ausschließlich-Techno-Freund_in“, sondern „auch-Indie-Postpunk-Synthie-Wave-Liebhaber_in“ wollte ich einmal auschecken, was Münchens dunkle Szene so hergibt. Gar nicht mal so einfach! Bei meinen Recherchen wurde mir schnell bewusst, dass es zwar ein breit gefächertes Angebot an elektronischen Tanzparties in München gibt – von House über Drum and Bass zu hartem Techno ist hier alles vertreten -, was Gitarrenmusik angeht gibt es jedoch noch deutlichen Nachholbedarf. So gibt es zwar Szeneparties in München, diese finden jedoch eher unregelmäßig statt und wollen erst einmal gefunden werden.

Da ich nicht auf klassischen Goth- und auch nicht auf Mittelalterrock stehe und nach einem bestimmten Ambiente und Publikum Ausschau halte, ist es zugegebenermaßen gar nicht so einfach mich zufriedenzustellen. Sehr vielversprechend sieht jedoch die Veranstaltung Lostclub Ende Oktober im Feierwerk aus, die mit „anspruchsvollem Postpunk, Minimal, Coldgaze und New Wave“ wirbt – ich freue mich drauf und werde berichten.

Mangels Alternativen und aufgrund positiver Facebook-Bewertungen (4.5 von 5) stand am Freitag jedoch erst einmal das Nerodom an der Ganghoferstraße mit Gothic, Darkwave und Goth-Rock auf dem Programm.  Nicht so recht mein Stil, aber ich setzte meine Hoffnungen darauf, dass Wave-Musik einen nicht unwesentlichen Teil der Veranstaltung ausmachen würde. Außerdem versprach der Veranstalter auf seiner Webseite, dass sich zu diesem Anlass das Nerodom in ein „volles, düster-romantisches Gewölbe“ verwandeln soll, was mein Interesse weckte. Stilecht warf ich mich also in ein komplett schwarzes Ausgehoutfit, bestehend aus Netzoberteil (ein Hoch auf das 90er-Revival!), Minirock und Dr. Martens, und machte mich zu Fuß auf Richtung Theresienwiese.

Tatsächlich in einem Keller gelegen, wurde mir bei meiner Ankunft (und einem kurzen Plausch mit einem sehr freundlichen Menschen an der Kasse, der mir aber trotzdem 5 € abknüpfte) recht schnell bewusst, dass der Begriff „voll“ ein dehnbarer ist: Schätzungsweise 20 bis 30 schwarz gekleidete Menschen tummelten sich an der Bar oder auf der Tanzfläche – was die Kapazitäten des Clubs bei Weitem nicht sprengte.

Dies kann jedoch einfach der späten Stunde geschuldet sein: Die Party begann bereits um 21 Uhr und sollte nur bis 4 gehen – bei meiner Ankunft war es bereits 2.30 Uhr. Die als düster-romantisch angekündigte Deko entpuppte sich als verstaubtes Plastik-Efeu, das bei mir direkt Assoziationen an den berühmten Gelsenkirchener-Chic bestehend aus Kachel-Couchtischen und Schrankwänden in Optik „Eiche rustikal“ hervorrief.

Sicherlich äußerst liebevoll arrangierte Altare, die mit stilecht windschief zusammengezimmerten Kreuzen, Grabkerzen und weiteren verstaubten Kunstblumen verschönert wurden, brachten mich zwar zum Grinsen, aber sicherlich nicht in eine düster-romantische Stimmung. Tatsächlich kamen eher Erinnerungen an diverse 5-DM-Jahrmarkts-Geisterbahnen, die mir in der Kindheit furchtbare Angst einjagten, in mir hoch. Schnell machte ich mich auf zur Bar.

Genau wie der Kassenmensch war auch der Barkeeper sehr sympathisch und offen – eine Erfahrung, die ich in der schwarzen Szene schon oft gemacht habe und die sich gerne auf die Techno-Szene übertragen dürfte. Ein halber Liter helles Bier für 3,60 € – woanders eine Ansage, in München Standard. Ich suchte mir ein Plätzchen am Rande der Tanzfläche und beobachtete erst einmal. Deutlicher Frauen*-Überschuss, Altersdurchschnitt Ende 20 und aufwärts. Wie es sich für die Szene gehört, fanden sich einige Lack-, Latex- und Leder-Looks aus dem Fetisch-Bereich wieder, die besonders von den Damen zelebriert wurden.

Die meisten Männer* – abgesehen von einer expressiven Person in hautenger Latexhose und mit Plateau-Boots- kamen mit Band-T-Shirts oder in schlichtem schwarz. Äußerst interessant zu beobachten mit welcher Hingabe die Anwesenden sich in ihre Rollen einfanden. Ich vermute, dass dieses Spiel auf der einmal im Monat im Nerodom stattfindenden GothErotic Dance & Play Fetish-Party noch weiter getrieben wird. Aufgrund der Deko, die zumindest mir jedes bißchen aufkeimende erotische Stimmung zunichte machte (unter anderem durch eine über der Bar positionierte Leuchtreklame, die auf „Jägerschnitzel mit Pommes für 5,80!!!“ [sic!] hinwies), werde ich aber von einer Teilnahme an einer solchen Party absehen 😉

Da der musikalische Fokus auf Goth lag, hielt der Abend zwar was er versprochen hatte, traf damit aber leider in der ersten Stunde nicht meinen Geschmack. Gegen Ende wurden jedoch zumindest einige Klassiker von Depeche Mode, den Pixies und New Order gespielt, was auch mich erfreute und auf die Tanzfläche lockte. Mit Bizarre Love Triangle im Ohr war es um kurz vor 4 an der Zeit weiter zu ziehen. Fazit: Ein interessanter Einblick in die süddeutsche Goth-Szene, sehr freundliches Personal, interessante Outfits, jedoch war zumindest diese Party und vorallem das Ambiente nicht meins. Trotzdem bin ich ein wenig neugierig darauf zu sehen, wie sich Publikum, Stimmung und Musik bei anderen Veranstaltungen, zum Beispiel auf der jeden Samstag stattfindenden EBM/Electro/Synthie/Dark-Wave-Party, wandeln und werde eventuell noch einmal darauf zurückkommen.

In bezaubernder Begleitung ging es weiter und zurück stadteinwärts. Ziel: Das Pimpernel an der Müllerstraße. Über den 1970 gegründeten Club, in dem schon Freddy Mercury abgestiegen sein soll, kursieren im Internet einige wilde und zugleich unterhaltsame Geschichten. So heißt es unter anderem in einem 2011 in der Süddeutschen erschienenen Artikel:

Tumult am Sendlinger Tor: Pimpernel – Tänzerin prügelt sich mit Polizei

Ein Blick durch das große Schaufenster ins Innere verrät: Was dem Nerodom an Publikum und Ambiente fehlte, ist hier reichlich vorhanden. Der Laden ist bis zum Platzen gefüllt, an den Wänden hängen – wie es sich für ein ehemaliges „Etablissement, später Prostituiertentreff, dann Schwulenbar [und] überteuerten Strichertreff“ (um noch einmal die SZ zu zitieren) gehört, großformatige Softporno-Bilder. Trotzdem wirkt der Club weder schmuddelig noch altmodisch oder angestaubt. Normalerweise spielen hier „wechselnde DJs ein Repertoire von Soul über Exotica bis zu Disco und House“, an diesem Abend dominieren jedoch härtere Beats, die mich an das großartige Justice-Debut Cross erinnern. Leider konnte ich den Namen des DJ-Duos nicht ergooglen, hoffe aber, dass ich die beiden noch einmal erleben werde.

Noch einmal 5 € Eintritt, noch einmal sehr freundliches Personal, dieses Mal jedoch ein deutlicher Männer*-Überschuss. Wir schieben uns durch die Menge bis wir einen Platz finden, an dem es möglich ist halbwegs zu tanzen. Die Menschen um mich rum sind größtenteils freundlich und gut gelaunt, strahlen mich an. Sehr sympathisch. Wie es sich für München und eine scheinbar angesagte Location gehört, sind jedoch auch wieder einige Kandidat_innen der Sorte „drüber“ und „Botox is my best friend“ mit von der Partie. So werden ich und mein Begleiter Zeuge eines Monologs über Geldanlagen. Auf der Toilette wird mein Outfit in abfälligem Ton inklusive Augenrollen von einer stark blondierten Dame für „Badass“ befunden. Ich strahle sie an, bedanke mich und wünsche ihr einen wunderbaren Abend. Sie schaut irritiert und ich gehe – in mich hineingrinsend – zurück auf die Tanzfläche. Freundlichkeit ist immer noch die beste Abwehr.

Das absolute Kontrastprogramm zum vorherigen Club, sehr amüsant und definitiv wieder zu besuchen. Und eben dieser Kontrast machte den Abend erneut zu einem unterhaltsamen Erlebnis.

München, du gefällst mir langsam, aber sicher immer besser!

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