Hilfe, ich habe einen Körper. Oder: Du bist okay, so wie du bist.

Es gibt zwei Arten von Menschen: Die, die morgens extra eine Stunde früher aufstehen, frisch und erholt aus dem Bett springen, erst einmal einen super-gesunden Smoothie mit Grünkohl und Goji-Beeren trinken, um dann – bevor sie mit dem Fahrrad zur Arbeit düsen – im hippen Sport-Outfit eine Runde joggen zu gehen. Das sind die gleichen Leute, die darauf achten, nicht zu viele Kohlehydrate zu sich zu nehmen, die eher Tee als Kaffee trinken, kein Fleisch essen und generell einen „bewussten“ Lebensstil pflegen.

Dann gibt es da noch die Kategorie Mensch, zu der ich mich zähle: Die, die morgens mit blutunterlaufenen Augen und Abdrücken vom Kissen im Gesicht aufwachen und sich fühlen, als hätten sie gar nicht geschlafen. Die erst einmal einen großen schwarzen Kaffee runterkippen müssen, um überhaupt in die Gänge zu kommen und bei denen der Gedanke an sportliche Betätigung flashbackartige Erinnerungen an den Schulsportunterricht auslöst (wieder als Letzte in die Völkerballmannschaft gewählt worden zu sein ist wohl eine der erniedrigensten Sachen, die man als unsicherer, pickeliger Teenager erleben kann). Bewusst essen? Sicherlich. (Schreibe Ich* und stopfe mir noch einen Riegel Schokolade in den Mund).

Wie ist es eigentlich so weit gekommen, frage ich mich. Das war doch mal anders? Vor meinem geistigen Auge ziehen neun Jahre Ballett-Unterricht vorbei, Steptanz- und Aerobic-Kurse. Irgendwann kippte meine Einstellung in Bezug auf Sport von „YEAH!“ zu „ach, nö… passt nicht zu meinem Lifestyle“ und nun habe ich den Salat. Knackende, schmerzende Gelenke, ein krummer Rücken und ein generelles Gefühl von Unbeweglichkeit. Mein Workout? Einmal die Woche auf Techno tanzen gehen. Spaßig, aber nicht wirklich effektiv.

Ein sicherer Ort

Warum habe ich eigentlich aufgehört, frage ich mich und beschließe etwas zu ändern. Sport, um einen Ausgleich zum vielen jobbedingten Sitzen zu haben. Damit die Schulter- und Rückenschmerzen aufhören. Und generell wird man ja nicht jünger, nech. Freund Google zur Hilfe geholt, nach Frauenfitnesstudios in München gegoogelt und schnell fündig geworden: Das frisch renovierte Studio My Sportlady in der Klenzestraße macht bei meinem ersten Besuch einen sehr sauberen und gepflegten Eindruck, die Mitarbeiterinnen sind freundlich und es duftet sogar gut. Keine starrenden, pumpenden Macker weit und breit, stattdessen eine angenehm entspannte Atmosphäre. Außerdem gibt es einen Spa-Bereich, ein breit-gefächertes Kursangebot für Einsteigerinnen und Fortgeschrittene und regelmäßige Koch-Kurse. Den monatlichen Mitgliedsbeitrag kann ich sogar mit meinem Volontärsgehalt verkraften. Ich bin begeistert. Noch begeisterter bin ich, als ich bei meiner Tour durch das Studio erfahre, dass My Sportlady das erste Frauen-Fitnessstudio in München war, das seit mittlerweile 30 Jahren eine Institution ist. Gerade wurde eine 30-jährige Verlängerung des Mietvertrages unterschrieben.

Dann ist es endlich soweit: Mein erstes Mal Sport seit… wie vielen Jahren?! Mal abgesehen von unregelmäßigen Jogging-Versuchen und einigen für schrecklich befundenen Uni-Sportkurs-Einmal-und-Nie-Wieder-Besuchen war bei mir sporttechnisch echt nicht viel los. Mutig entscheide ich mich für einen Pilates-Anfängerinnen-Kurs und werfe mich in mein heißgeliebtes neonpinkes Sport-Top. Bei meiner Ankunft stelle ich fest: Leider war Pilates schon vor einer Stunde. Die einzige Alternative: Ein Kurs mit dem Titel „Dance Moves“ für Fortgeschrittene. Die My-Sportlady-Webseite verrät mir: „Aus dem Ballett, Jazz- und Modern-Dance wird eine mitreißende Choreographie erarbeitet.“ Ich meine, neun Jahre Ballett können ja nicht vollkommen spurlos an mir vorübergegangen sein. Da ist bestimmt einiges hängen geblieben. Das ist bestimmt wie Fahrrad fahren. Lernste einmal, kannste.

Chassé Chassé Chassé!

Neben mir sind noch zwei weitere Neulinge, zwei schlaksige Anfang 20-Jährige, am Start. Undeutlich schallt es über laute Techno-Beats von vorne: „Okay Leute, folgendes: Chassé, Chassé, Mambo-Step, halbe Drehung rechts, halbe links, zurüüück nach vorne, tap tap tap… Direkt in die zweite Position. Demi-ronde jampe par terre. Und Kick! Pose! Kick! Ganz easy, oder? Los geht’s!“

Äh, was? Ich stolpere rum, drehe mich in die falsche Richtung, stoße fast mit einer latent genervt schauenden, definitiv besser trainierten Frau neben mir zusammen. Ich lächle sie entschuldigend an. Sie verdreht die Augen. „Reiß dich mal zusammen, Janina“, denke ich mir. Ich schaue in den Spiegel. Verdammt. Auf den riesigen selbstzusammengebastelten Burger bei einem Bekannten hätte ich heute vielleicht doch lieber verzichten sollen. Und doch sehr unvorteilhaft, dieses neonpinke Top. Warum habe ich das angezogen?! Wo die anderen sexy Poses machen sehe ich bescheuert aus. Ich ertappe mich dabei wie ich kurz davor bin, in Panik zu verfallen. Was mache ich hier? Ich gehöre hier nicht hin. Ich bin nicht wie diese körperbewussten Frauen, die sich und ihr Leben im Griff haben. Ich tue nur so. Wie immer. „Like a groupie posing as a real singer.“

Gedankenstopp

„Schluss jetzt!“, sage ich mir. „Es ist okay, etwas Schwieriges nicht direkt von Anfang an mit Bravour zu meistern. Das verlangt niemand. Du bist die einzige Person, die sich diesen Druck macht. Es ist gut, dass du hier bist. Du tust dir etwas Gutes. Du siehst zwar gerade bescheuert aus, aber das ist okay. Einfach Spaß haben und abschalten.“ Ich zwinge mich dazu mich im Spiegel anzuschauen, nicht wegzusehen. Kopf hoch, Schultern nach hinten, Spannung aufbauen. Ich blende die anderen Frauen aus, ignoriere die genervten Blicke neben mir, achte nur noch auf den Takt der Musik, konzentriere mich auf die Schrittabfolge, merke, dass ich anfange zu schwitzen. Lasse los, verliere mich, stolpere rum, bin zu langsam, lache darüber, habe so viel Spaß wie schon lange nicht mehr. Wie gut es tut, den Körper zu spüren. Die Trainerin lacht mich an: „Super fürs erste Mal! Hast du Spaß?“ „Und wie!“, höre ich mich sagen. Und das ist nicht gelogen.

Ich ziehe die Stunde durch. Als die Musik stoppt, kreiseln die Endorphine wie verrückt. Ich bin stolz auf mich. Die eben noch genervt schauende Frau neben mir tippt mir auf die Schulter. „Echt geil gemacht! Mach dir keinen Kopf, ich habs bei den ersten Malen auch nicht perfekt gemacht.“ Ich grinse sie an. „Danke dir. Bis zum nächsten Mal.“

Der Druck muss raus

Als ich den Raum verlassen will, sehe ich, wie die Trainerin einer der beiden Neuen neben mir die Hand auf die Schulter legt. Höre wie sie beruhigend auf sie einredet. „Hey, das ist doch okay. Jetzt wein‘ doch nicht…“ Wein‘ doch nicht? Ich bleibe stehen. Die junge Frau hält sich die Hand vor den Mund und unterdrückt ein Schluchzen. „Ich… kann das nicht. Ich sehe so bescheuert aus. Ich mache alles falsch.“

Schlagartig hören die Endorphine auf zu kreiseln. Anscheinend bin ich nicht die Einzige, die Probleme mit ihrem Selbstwert hat. Ich verlasse den Raum, gehe ein paar Schritte, bleibe stehen. Denke an den Hass zurück, den ich als Teenager und viel zu lange danach auf meinen Körper verspürt habe. Daran wie sehr meine Körperwahrnehmung immer noch von der Bestätigung durch andere abhängig ist. Wie oft ich Schwierigkeiten habe, mich und den Körper zu spüren. Wie viel Arbeit es erfordert, ein positives Selbstbild aufrecht zu erhalten. Sich zu lösen von Schuld und Ekel und Scham. Wie sehr ich mir gewünscht hätte, dass früher jemand da gewesen wäre, der mir gesagt hätte, dass es okay ist.

Schluchzend geht die junge Frau an mir vorbei.

„Warte!“, höre ich mich sagen. „Bist du okay?“

„Ja, klar.“ Ein gequältes Lächeln.

„Hör mal… Ich weiß, dass es nicht einfach ist.“

„… Ich … Sah so bescheuert aus. Es war so anstrengend und ich konnte gar nichts. Wie immer.“

„Stopp, hör auf. Alle, die heute zum ersten Mal da waren, sahen scheiße aus.“

„Nein.“

„Doch. Hast du mich mal angeschaut? Ich bin rumgestolpert wie ein Volltrottel.“

Ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht. „Ach, Quatsch…“

„Oh, doch!“, sage ich. „Und weißte was? Das ist absolut in Ordnung. Du musst nicht alles auf einmal können. Ich finde, du hast das super gemacht!“

„Man darf gar nicht darüber nachdenken wie bekloppt man aussieht dabei.“

Ich lache. „Ganz genau! Einfach den Kopf abschalten. Kommst du nächste Woche wieder?“

„Ich weiß es nicht.“

„Bitte. Wenn du kommst, komme ich auch.“

„Ich versuche es.“ Wieder füllen sich ihre Augen mit Tränen.

„Kann man dir was Gutes tun?“, frage ich.

„Nein. Aber … Danke.“ Ein kurzes, schiefes Lächeln auf ihrem Gesicht.

Sie biegt ab zum Klo, ich mache mich auf zum Ausgang. In meinem Kopf Gedanken daran, wie schon junge Frauen die Härte gesellschaftlicher Normvorstellungen spüren. Und wie Unsicherheit und mangelnde soziale Unterstützung gepaart mit eben dieser gesellschaftlichen Erwartungshaltung krank machen (können). Es macht mich wütend. Ich möchte helfen und kann nicht. Gleichzeitig bin ich froh, dass es geschützte Orte wie diesen für Frauen gibt. Orte des Zusammenhalts, der gegenseitigen Unterstützung. Ob ich die junge Frau wiedersehen werde? Ich hoffe es.

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http://notjanina.com/2016/11/01/hilfe-ich-habe-einen-koerper/

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