„Wer sagt an der Uni denn freiwillig, dass sie_er Gewalt erlebt hat?“

„Sexualisierte Gewalt ist immer noch ein Tabuthema. Ich meine, schaut euch einmal die Statistiken an. Statistisch gesehen ist es unmöglich, dass keiner der Menschen in diesem Raum davon betroffen ist. Trotzdem spricht niemand drüber.“

Ich schaue mich um. Der Seminarraum beim Einführungsvortrag zum Thema Trauma, der im Rahmen der Aktionstage Gesellschaft Macht Geschlecht an der Uni Bielefeld stattfindet, ist proppenvoll. Neben mir ein knallrot angelaufener Typ, der nervös mit seinem Stift spielt und krampfhaft auf seinen Block starrt. Gegenüber von mir eine Frau mit wässerigen Augen, die schluckt und schluckt und schluckt. Die Stimmung ist zum Schneiden.

Die mehr oder weniger aktuellen Zahlen zu sexualisierter Gewalt in Deutschland sind mittlerweile vielen Menschen bekannt. Hier noch einmal für alle:


  • 40 % der Frauen in Deutschland haben seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erlebt.
  • 25 % der in Deutschland lebenden Frauen haben Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner erlebt.
  • 13 % der in Deutschland lebenden Frauen haben seit dem 16. Lebensjahr strafrechtlich relevante Formen sexualisierter Gewalt erlebt.
  • 42 % der in Deutschland lebenden Frauen haben psychische Gewalt erlebt, z. B. Einschüchterung, Verleumdungen, Drohungen.
  • 37 % der von körperlicher und 47 % der von sexualisierter Gewalt Betroffenen haben mit niemandem darüber gesprochen. Die Anteile sind noch höher, wenn der Täter der aktuelle oder frühere Beziehungspartner ist.

Eigentlich ergibt es wirklich Sinn, was der Mensch da vorne erzählt, denke ich mir. Und denke darüber nach, mit wie vielen Betroffenen ich wohl vorhin im Seminar saß. Und darüber, warum niemand darüber spricht, was passiert ist. Dabei liegen die Gründe in unserer patriarchal-kapitalistischen Gesellschaft als von sexualisierter Gewalt Betroffene*r lieber zu schweigen wohl auf der Hand. Momentan bedeutet sich zu outen automatisch als „schwach“, „krank“, potenziell „weniger gut funktionierend“ oder weniger leistungsfähig eingestuft zu werden. Selbst viele Betroffene nehmen eine kritischeGrundhaltung anderen Menschen mit sexualisierten Gewalterfahrungen gegenüber ein. So waren einige Teilnehmer*innen einer Selbsthilfegruppe, die ich vor Kurzem besuchte, offensichtlich überrascht, dass „ganz normale Leute“ an dieser teilnehmen. „Hier sind ja gar keine Psychos!“, brachte es eine Frau auf den Punkt.

„Is‘ doch scheiße“, denke ich mir. Sobald ich zuhause bin, schreibe ich eine Mail an den Typen, der vorne stand. „Guter Vortrag. Nervt es dich auch so, dass niemand drüber spricht?“. Wenige Wochen später ist STAND UP SPEAK OUT geboren – eine Hochschul-/Selbsthilfegruppe für von sexualisierter Gewalt betroffene Studierende. Mit einem so bis jetzt in Deutschland einmaligen Konzept, das gerne kopiert oder als Anregung zum Start eigener Gruppen genutzt werden darf 😉

Ich spreche mit Alex, der zweiten Person im Bunde, über das Konzept, die Ziele und das Besondere an STAND UP SPEAK OUT. Wenn euch gefällt was ihr lest, folgt uns gerne bei Twitter oder schreibt eine Mail an selbsthilfe.uni.bielefeld@riseup.net!


iamnotjanina: Hallo Alex, schön, dass du dir Zeit für mich nimmst. Was sind deine Gedanken zum Thema sexualisierte Gewalt an deutschen Unis?

Alex: Oh je [seufzt]. Eine große Frage. Unis sind Orte voller Menschen, Orte, in denen Strukturen gewachsen sind, in denen Gewalt auf ganz unterschiedliche Weise (k)ein Thema ist. An Unis gibt es wie an anderen Orten übergriffiges Verhalten und das Ausnutzen von Macht gegenüber anderen, wo Abhängigkeiten da sind. Außerdem ist sexualisierte Gewalt in manchen Studiengängen inhaltlich Thema. Und an Unis studieren und arbeiten Menschen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben und mit den Folgen umgehen müssen.

Was denkst du sind die besonderen Herausforderungen, denen sich von sexualisierter Gewalt betroffene Studierende stellen müssen?

Die „typische Situation“ gibt’s nicht, glaub ich. Dazu unterscheidet sich viel zu sehr, was Leute erlebt haben und was danach schwierig für sie ist. Eine Herausforderung kann sein, dass, wenn die Gewalt von anderen Menschen an der gleichen Uni ausging, jemand gezwungen ist, immer wieder dem_der Täter_in über den Weg zu laufen. Vielleicht sogar im gleichen Seminarraum zu sitzen, weil die Veranstaltung Pflicht ist. Was aber eher mal der Fall ist, ist, dass man über Situationen stolpert, in denen bestimmte Details ungewollt Erinnerungen an die Gewalt hochrufen, und man die Situationen schlecht verlassen kann. Zum Beispiel, wenn ein Seminarraum keine Fenster hat oder so überfüllt ist, dass alle so eng zusammenrücken müssen, dass dir ständig der Typ aus der Reihe hinter dir in den Nacken keucht. Oder, wenn mal wieder jemand was filmen will und du um die Ecke kommst und plötzlich vor einer Kamera stehst oder merkst, dass du ungewollt auf ’nem Smartphone-Video als Statist*in auftauchst, weil kein Mensch dran denkt, dass auch die anderen im Videohintergrund sowas wie ein Recht am eigenen Bild haben.

Was ich für meinen Teil besonders schwierig finde, ist, wenn in Seminaren über Gewalt oder konkret sexualisierte Gewalt gesprochen wird, oder über Leute, die sie erlebt haben. Da gibt’s zwei Sachen, die echt anstrengend sind: Zum einen werden schnell stereotype Bilder wiedergekäut, was Leute alles nicht mehr hinkriegen, wenn sie Gewalt erlebt haben und bestimmte Folgen davon tragen. Klar, es kann sein, dass jemand nach den Gewalterfahrungen ständig unter Stress steht und sich kaum noch auf Lerninhalte konzentrieren kann. Aber das heißt noch lange nicht pauschal, dass dieser Mensch keinen Schulabschluss schafft – oder kein Studium, weil sowas echt von viel zu vielen Sachen abhängig ist. Es wird sich total darauf konzentriert, was Gewaltbetroffene an Defiziten mitbringen, für die das jeweilige Fachgebiet sich für zuständig hält: In der Psychologie wird jemand schnell auf die klinischen Folgen reduziert, in der Pädagogik geht’s dann um verhaltensauffällige Kinder, da wird wenig darauf geguckt, was Menschen hinbekommen, obwohl man ihre intimsten Grenzen verletzt hat.

Zum anderen werden die ehemaligen Opfer und die Gewalt – wenn überhaupt, das Thema ist nicht schön und wir haben riesige Forschungslücken, was das Behandeln im Studium weniger attraktiv macht – meistens echt gleichförmig dargestellt. Als ob es zwischen Gewaltbetroffenen keine Unterschiede gäbe. Oder zwischen ihren Biographien.

Was sind deiner Meinung nach die Gründe, aus denen sich viele Studierende dazu entschließen über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt zu schweigen?

Genau die Sachen, von denen ich grade erzählt hab. Leute, die Gewalt erlebt haben, werden im wissenschaftlichen Kontext echt schnell als Leute mit Defiziten betrachtet. Wenn eben 150 Studis um dich rum zum hundersten Mal in der Vorlesung zu psychischen Störungen gehört haben, dass sexualisierte Gewalt in der Kindheit auch für DIESE Störung da das Erkrankungsrisiko erhöht, ist das letzte, was du willst, dass die alle wissen, dass du das erlebt hast. Aber auch so… Du läufst Gefahr, stigmatisiert zu werden. Andere können sich eher mal ganz normal verrückt benehmen – wenn Gewaltbetroffene das tun, wird das eher mit irgendwelchen vermeintlichen Störungen in Verbindung gebracht. Und du, du wirst selber ziemlich nervös, dass die anderen dich für verrückt halten könnten, wenn du genug über Vorurteile gelesen hast, und versuchst entweder, zu 150 % „normal“ zu sein, damit keine_r dich für komisch halten kann, oder fällst halt irgendwann mit deiner Nervosität auf. Weil dir keine_r sagen kann, dass es okay ist, wie du bist. Wer sagt an der Uni denn freiwillig, dass sie_er Gewalt erlebt hat? Oder deswegen in Beratung oder ’ner  Therapie ist? Falls du an der Uni arbeiten willst, traust du dich das erst recht nicht. Zu den Vorurteilen gehört ja auch, dass psychisch Kranke nicht so belastbar sind…

Wenn du gesagt kriegst, dass du zu Themen, die mit deinem Leben auch so was zu tun haben, nicht schreiben, arbeiten oder forschen sollst, verschweigst du vielleicht lieber, warum du dich so für wissenschaftliche Sichtweisen auf sexualisierte Gewalt und die Folgen interessierst. Das ist echt blödsinnig. Manchmal kann man genau deshalb ein Thema besonders gut unter die Lupe nehmen und mit Leuten arbeiten oder Forschungslücken füllen, weil man sich schon anders als auf dem Papier damit auseinandergesetzt hat und über manche Sachen hat nachdenken müssen. Auf einer Veranstaltung hat neulich jemand gesagt, als es genau darum ging, ob Leute zu „ihrem“ Thema forschen können, dass sich kein Mensch aufregen würde, wenn ein Gastroentereologe in seinem Fachgebiet forscht, obwohl er selber ’nen Zwölffingerdarm-Geschwür hat. Das fand ich ein echt gutes Beispiel. Und wenn es um Gewalt und Forschung dazu geht, zu sagen: „Sie_er kann das nicht, weil sie_er selbst betroffen ist und die Inhalte sie_ihn zu sehr mitnehmen…“ Das heißt auch, dass übersehen wird, dass das Thema Forscher_innen, die zum ersten Mal damit konfrontiert werden, absolut nicht kalt lässt.

Nehmen wir an, ich habe eine sexualisierte Gewalterfahrung gemacht. An wen kann ich mich an der Uni wenden, wenn ich Hilfe brauche?

An der Uni Bielefeld kannst du dich, wenn du dich als Frau* siehst, an den Frauennotruf wenden. Der bietet anonyme Sprechstunden an. Wenn es um was Aktuelles an der Uni geht, gibt es die Gleichstellungsbeauftragten – vom AStA, an den Fakultäten und in der Zentralen Gleichstellung. Außerdem gibt es verschiedene Beratungsangebote, aber die sind eben allgemeiner. Wenn du Probleme hast, im Studium mitzukommen, oder halt nicht weißt, an wen du dich wenden sollst, gibt es die Zentrale Studienberatung. Es gibt auch Beratung und eine Gruppe für Studis mit psychischen Problemen, aber da steht dann eben ne Störung im Vordergrund und nicht der Umgang mit dem, was zu einer Diagnose geführt hat. Oder das Referat für Studis mit chronischen Erkrankungen oder Schwerbehinderungen. Gibt ja auch Leute, die aufgrund von Gewalterfahrungen schwerbehindert sind. Und und und. Wenn man gegen Gewalt aktiv werden will, findet man aber eher was, als wenn es darum geht, mit eigenen Erfahrungen Unterstützung zu kriegen. Da ist außerhalb der Uni eher was zu finden, wenn man nicht weiblich* ist.

Was ist das Besondere an STAND UP SPEAK OUT?

Naja, wir sind eben die, bei denen man mitmachen kann, wenn man (auch) sexualisierte Gewalt erlebt hat und gegenseitigen Support mag. Und wir sind von Studis mit solchen Erfahrungen für Studis mit solchen Erfahrungen, heißt, da sitzt dann nicht jemand, der selber „nur beruflich“ was mit Gewalt und möglichen Folgen zu tun hat. Sondern andere, die auch aus eigener Erfahrung wissen, um was es geht. Und wir sind nicht an irgendeine Organisation von außerhalb gebunden, wir sind eine Hochschulgruppe und damit autonom. Das gibt uns unter anderem die Freiheit, für Menschen aller Gender offen zu sein…und selbst zusammen zu gucken, über was für Themen wir sprechen wollen, und wie.

Wie kann ich in Kontakt zu euch treten?

Schreib uns! Unsere E-Mail-Adresse ist selbsthilfe.uni.bielefeld@riseup.net. Kann ein, zwei Tage dauern, aber wir antworten.

Was passiert, nachdem ich euch geschrieben habe?

Falls du bei uns mitmachen willst, kannst du dich mit zwei von uns zu einem Vorgespräch treffen. Das ist wichtig, damit du gucken kannst, ob dir die Ideen zur Gruppe überhaupt passen. Das läuft so, dass du mit uns einen Termin ausmachst, wir bringen den Kaffee mit, oder den Tee… Wir stellen uns erstmal vor. Also, jetzt nicht nur die Gruppe, sondern erstmal uns, damit du ’nen Plan hast, mit wem du da eigentlich sitzt. Du kannst von dir erzählen, was du magst. Wenn du deinen Perso-Namen nicht sagen willst, muss das übrigens nicht sein. Naja, und dann würden wir erklären, wie so ein Gruppentreffen eigentlich abläuft, was der Gruppe wichtig ist, und du kannst gucken, ob das ungefähr das ist, was du dir vorgestellt hast, oder was anderes, das vielleicht auch passt. Was dir wichtig ist, was du dir von der Gruppe wünschst… Das Schöne ist ja, dass wir ziemlich frei damit sind, über was wir in der Gruppe reden, und wie.

Wie läuft eine Gruppensitzung ab? Wie oft trefft ihr euch? Gibt es einen festen Raum?

Wie oft wir uns treffen, hängt davon ab, wie viele von uns grade da sind. Gibt ja auch sowas wie Urlaub, Arbeit anderswo. Das wird, wenn das nicht für einen längeren Zeitraum planbar ist, übers Internet geklärt. Wo? Im absolut schönsten Raum der Uni für so eine Gruppe. Ich verrate aber nicht, wo der ist… Das erfahren Menschen, wenn sie mitmachen mögen, vorher ist das streng geheim. Schließlich haben wir alle keinen Bock darauf, dass Leute, die einfach neugierig sind, plötzlich vorm Raum stehen oder im Raum, wenn wir uns treffen. Soviel verrate ich aber: Er hat Fenster, ist begrünt und so groß, dass man mit vier bis acht Leuten bequem drin sitzen kann.

Welche Themen werden in der Gruppe besprochen? Gibt es auch Themen, die tabu sind?

Besprochen werden können eigentlich (fast) alle Themen rund um sexualisierte Gewalt, mögliche Folgen und den Umgang mit beidem. Welche das dann jeweils sind, kann die Gruppe zusammen entscheiden. Wir haben mal gesammelt und eine riesengroße Liste, wozu wir einen Austausch interessant fänden…mal sehen, wenn es die Gruppe in fünf Jahren noch gibt, ob dann alles mal dran war [lacht]. Da stehen ganz unterschiedliche Sachen drauf. Aber eben viel aus dem Alltag. Für Tabu gilt eigentlich das Gleiche: Ob und was für Themen tabu sind, muss die Gruppe zusammen entscheiden. Es gibt ein paar Sachen, die nicht gehen, zum Beispiel, aktuelle Todeswünsche oder -pläne auszubreiten, wenn’s einem richtig schlecht geht.

Rätst du allen von sexualisierter Gewalt betroffenen Studierenden zu STAND OUT SPEAK UP zu kommen?

Ich würde das niemandem „raten“ wollen, ich bin kein Arzt*. Wer von der Gruppe erfährt, kann sich überlegen, ob das gut klingt: Die Möglichkeit, mit anderen über manche Themen reden zu können, über die sie_er vielleicht nicht mit vielen Menschen (oder überhaupt bisher mit irgendjemandem) reden konnte, ohne Vorurteile abzukommen. Eigenes Wissen an andere weiterzugeben und umgekehrt. Und ob sie_er es gut findet, Teil einer Gruppe zu sein. Das Format ist ja auch nicht für jeden Menschen was: Wir haben keine Leitung, die uns vorgibt, wo es langgeht, sondern müssen zusammen entscheiden. Und jede_r soll Platz haben, ungeachtet dessen, was genau die Leute erlebt haben oder wie toll sie sich ausdrücken können. Das muss man mögen oder interessant genug zum Ausprobieren finden, um mitzumachen.


Was haltet ihr vom Konzept von STAND OUT SPEAK UP oder von Selbsthilfe im Allgemeinen? Eure Meinung interessiert mich!

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