Gastbeitrag: Matthäus fährt mit

Ich veröffentliche auch Gastbeiträge! Sexismus/Genderismus, Ableismus, Rassismus, Klassismus, Migratismus, Ageism, Lookism – diese Begriffe sind euch nicht fremd und ihr habt interessante Gedanken dazu? Dann immer her damit.


Über den_die Verfasser*in dieses Gastbeitrags

Das Fledertier ernährt sich vegetarisch (Obst, Gemüse und Bücher) und ist vorwiegend dämmerungs- und nachtaktiv, wenn nicht Kleinigkeiten wie ein sozialwissenschaftliches Studium dazwischenkommen. Es lebt in einer Großstadt, wo es teilnehmende Beobachtungen in öffentlichen Verkehrsmitteln anstellt. Weil das Fledertier auf zwei Beinen eher auf die Nase als vorwärts fliegt, sitzt es im Rollstuhl.


 Sie warten auf den Fahrstuhl.

Der Fahrstuhl kommt nicht. Nach fünf Minuten kommt ein Techniker in verschmierten Klamotten angeschlurft, pappt wortlos ein Schild mit der Aufschrift „Defekt“ an den Fahrstuhl und geht. Was tun Sie?

„Entschuldigen Sie?“, fragen Sie ihn freundlich. „Wie komme ich denn jetzt nach oben?“ – „Weiß ich nicht.“, gibt er, im Gehen, zurück. „Da müssen Se den Service fragen.“ Sie zücken das Mobiltelefon und rufen an. Schildern Ihr Problem. „Na, da können Sie auf die nächste Bahn warten, eine Station weiter fahren. Dann können Sie mit dem Bus zurück zu dieser Station. Oder in der Gegenrichtung die Bahn nehmen, der Aufzug auf dem Gleis funktioniert ja.“ Eine unglückliche Situation? Nicht doch: Sie haben keine zu miese Laune, um freundlich fragen können. Sie haben die Nummer des zuständigen Verkehrsbetriebs, nicht nur der Firma, die sich um den Aufzug kümmert. Sie haben Netz und können überhaupt telefonieren. Sie können grade verständlich sprechen. Wenn Sie Glück haben, müssen Sie nicht einmal auf die Toilette, haben keinen dringenden Termin, den Sie nicht verschieben können und müssen keinen Anschlusszug erreichen und sind deshalb entspannt. Unglücklich wäre die Situation, wenn Sie dringend auf die Toilette müssen, weil im Regionalzug mal wieder die barrierefreie Toilette aufgrund einer Türstörung, technischen Fehlern am Tanksystem oder einem Befall mit Fußballfans außer Betrieb gewesen ist. Unglücklich wäre sie auch, wenn niemand da wäre und Sie keinen vollen Akku oder kein Telefonnetz hätten. Die Kombi aus diesen beiden Punkten kann dazu führen, dass Sie eine ganze Weile auf dem Bahnsteig stehen und warten müssen. Immerhin führt die Sorge, dass die ersten anderen Menschen, die Sie finden, alkoholisiert und übellaunig sind, dazu, dass Sie das Adrenalin eine Weile warmhält. Ich möchte Ihnen dringend wünschen, dass es nicht die Blase ist. Das würde nach einer Weile sehr, sehr kalt.

Sie warten wieder auf den Fahrstuhl.

Der Fahrstuhl kommt, und er ist voll. Diverse Menschen gucken Sie an. Sie gucken zurück und sehen ein mit Holzente bewaffnetes Kind im Kinderwagen nebst Vater, ein Pärchen mit Reiseköfferchen der Größe „XXS“ in unkaputtbarer Neonhartschale sowie zwei angeregt diskutierende ältere Damen, von denen eine mit einem Gehstock ausgerüstet ist. Es handelt sich um den gleichen Bahnhof wie im ersten Fall: Ausrüstet mit einem Aufzug, einer Treppe und einer Rolltreppe pro Bahnsteig. Was tun Sie?

„Entschuldigen Sie?“, fragen Sie – wieder freundlich – in die Runde. „Können diejenigen unter Ihnen, die dazu in der Lage sind, bitte die Rolltreppe nutzen?“ Was meinen Sie, was passiert? Vielleicht sagt eine Hälfte des Pärchens: „Oh, da müssen Sie wohl auf den nächsten warten.“ Vermutlich weist die Person mit dem Gehstock auf diesen Gehstock hin. Wahrscheinlich wird der Vater Anstalten machen, mit dem Kind den Aufzug zu verlassen und die Rolltreppe zu nehmen, obwohl er sie mit Kinderwagen im Schlepp genauso wenig benutzen darf wie Sie, es aber womöglich eher kann. Jedenfalls, wenn Sie so unfähig zum Rolltreppenfahren sind wie ich. Denn ich habe nach wie vor Angst, dass meine Arme mich beim Festhalten im Stich lassen und ich mir und allen hinter mir beim Sturz ein paar Knochen breche.

Wenn Sie ein Beispiel für den Matthäus-Effekt suchen („Wer hat, dem wird gegeben.“), finden Sie es in öffentlichen Aufzügen:

Wer laufen kann, kann sich in der Regel ohne große Eigengefährdung noch schnell mit hineinquetschen oder steht so im Aufzug, dass er Drängelattacken halbwegs standhalten kann. Wer laufen kann, kann beim Öffnen der Türen die meisten Menschen mit Rollator oder Kinderwagen überholen, oder sich so hinein bequemen, dass dem eigentlich schnelleren Menschen im Rolli nur die Möglichkeit bleibt, ihm die Mittelfußknochen zu planieren. Was ich nie absichtlich tun würde, jedenfalls nicht, solange mich kein Orthopädie-Schuhgeschäft dafür bezahlt. Menschen mit Kindern und Kinderwagen warten oft oder machen mir Platz. Menschen mit Rollatoren ebenfalls. Genauso, wie ich ihnen Platz machen, wenn sie es eilig haben. Weil man weiß, dass es manchmal keine Option gibt, die risikofrei zu benutzen wäre. Wer selten Platz macht, aber gerne darauf besteht, welchen zu bekommen, sind Fußgänger_innen ohne Kinderwagen, Hackenporsche und Co. Wer im Fahrstuhl nicht versucht, kreativ und rücksichtsvoll Tetris zu spielen, damit noch mehr Menschen mitfahren können, sondern mehr Platz fordert, ebenfalls. „Können Sie mal die Füße einziehen?“ ist eine lustige Bitte. Kann ich. Mehr Platz hat dadurch aber niemand, es sei denn, ich darf kurz aus dem Rollstuhl rutschen, ihn herumdrehen, auch die Fußstützen losschrauben und mit ihnen im Arm wieder in den Rollstuhl krabbeln. Zur Aufforderung, doch auf den nächsten Fahrstuhl zu warten: Da im Durchgangsverkehr niemand beobachtet, wie lange jemand mit Rolli oder Fahrzeug dabei wartet, kann einem diese Aufforderung durchaus aus drei Fahrstühlen hintereinander lieblich entgegenschallen. Quasi ein Refrain zur Warteschleife. Auch nett ist die Bitte, doch noch weiter in die Ecke zu rücken: Für mich kein Problem. Ich bin von mehreren Kilogramm Metall zu allen Seiten davor geschützt, an der Aufzugwand zu kleben. Für kleine Kinder besteht genau diese Gefahr, wenn sie ein Elternteil mit Geschwisterkind und Kinderwagen begleiten. Und das „Kleben“ ist durchaus wörtlich zu nehmen. Würden Sie an die meisten öffentlichen Aufzugwände mit dem Finger das obligatorische „Wasch mich!“ krakeln wollen, könnten Sie, nachdem Sie Ihren Finger mit einem Spatel wieder von der Wand gelöst haben, mit dem darauf verbliebenen Schmodder mehrere saubere Wände mit Graffiti verziehen. Davor sollte man Kinder dringend bewahren. Zumal viele Aufzüge auf Kinderkopfhöhe Stangen zum Festhalten haben, gegen die, glaube ich, niemand gerne mit dem Kopf gedrückt würde. Im Eingeklemmtwerden haben Kinder außerdem das gleiche Problem wie ich: Der Kopf ist auf Handtaschenhöhe. Halten Sie Handkantenschläge für gefährlich? Handtaschenschläge können eine ähnliche Wirkung entfalten: Wenn Ihnen bei einer Drehung der tragenden Person oder dem wilden Wühlen nach dem Autoschlüssel die Tasche mit Papieren, Kalender, Schlüsselbund, Schminkutensilien, Ersatzsockenpaar, Winterreifen, losen Teebeutelsammlungen und einem Chihuahua gegen den Schädel prallt, können Sie nicht nur Sterne kreisen sehen, sondern überlegen zudem, ob Sie den durch die Gehirnerschütterung bedingten Brechreiz noch auf nach dem Aussteigen verschieben können.

Liebe Fußgänger_innen ohne Rollen im Schlepp oder unter dem Hintern:

Ihr habt Füße, die euch zuverlässig zur nächsten Rolltreppe bringen werden. Ich glaube an euch, ihr schafft das!

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