Impressionen aus München 2

„Ja, dann kommen se mal rein, Frau O. Wo drückt denn der Schuh?“

Sonnenverbrannte Haut, gebleichte Zähne, lässig hochgekrempelte Hemdsärmel. Very München, dieser Facharzt.

„Mei, bei Ihnen blühts ja. Toll!“ So die fachgerechte Bewertung meines rosenverzierten Hemdes. Danke für diese ungefragte Einschätzung, Dr. T.

„Tolles Wetter, oder? Hach, München im Winter… Herrlich, herrlich. Dann schaun wa doch mal, gell?“, sprichts und drückt mir eine Ladung kaltes Ultraschallgel ins Gesicht. Langsam läuft es gen linkes Auge.

„Jetzt schauens mal net so, muss ja sein, Frau O. Schad ums Make-Up, aber nun gut. Haha. Da gucken wir doch mal was da los ist.“

Eine Sonografiesonde unter meinem Auge, an den Nebenhöhlen, auf der Stirn. Gel überall.

Schweigen.

„Saubermachen.“ Mit diesen Worten wird mir ein winziges Stück Kleenex gereicht.

„Ich schau mir das noch mal genauer an. Nicht bewegen.“ Dr. T. nähert sich dem Behandlungsstuhl mit einem archaisch anmutenden Instrument, das bei mir Erinnerungen an meine frühpubertäre Faszination mit den Mumifizierungstechniken der alten Ägypter auslöst.

Bei der Mumifizierung wird das Gehirn nach der Durchbohrung des Nasendaches mit einem langen, bohrenden Instrument wie einem Haken aus Metall entfernt, nachdem es zuvor zu einem dickflüssigen Brei verquirlt wurde. Bei der Untersuchung der Nasennebenhöhlen verwendet ein HNO-Arzt augenscheinlich selbiges historisches Utensil.

„Ja, Frau O. Was seh ich denn da? Die Tonsillen. Wissens denn was die Tonsillen sind, Frau O.?“, fragt Dr. T., sein archaisches Einbalsamierungsinstrument immer noch in meiner Nase. Ich blinzele, um zu verdeutlichen, dass ich weiß, wovon er spricht.

„Nicht gut, Frau O. Nicht gut. Wissen Sie, wie man ein Tonsillenkarzinom entfernt, Frau O.? Die Tonsillen liegen zu weit hinten, da kommen sie so net dran, die Chirurgen. Da wird der komplette Unterkiefer einmal komplett KOMPLETT [ausladende Bewegung hier einfügen] aufgeschnitten. Die gehen durch den Knochen nach hinten in den Rachenraum. Und dann schneiden SCHNEIDEN schneiden sie den raus, den Tumor. Und ein Stück der Zunge gleich dazu. Und wissen Sie, wie sie dann aussehen, Frau O.? Wie ein Monster. Dann ist nichts mehr mit Make-Up und essen und trinken und sprechen. Dann gibt’s ne schöne Sonde…. Na, nun schauens net so. Kann ja alles sein. Muss aber nicht. Kann ich noch nicht sagen“, sprichts und stellt diverse Rezepte aus.

„Kommens in einem Monat wieder, dann wissen wir mehr.“

Ein Monat voller Ungewissheit, schlafloser Nächte und Angst.

„Ach so, ich sehe in der Akte Sie sind neu hier, Frau O. Na, dann: Herzlich Willkommen in München.“

Mit einem breiten Lächeln werde ich zur Tür geleitet. Zähne blitzen strahlend weiß.

Facebook
Twitter
Google+
http://notjanina.com/2016/12/17/impressionen-aus-muenchen-2/

Kommentier mich!

Was denkst du?