Hört auf, euch auf Depressionen einen runterzuholen

„Krankheit ist doch gewissermaßen etwas Ehrwürdiges“, so der Protagonist von Thomas Manns „Zauberberg“, Hans Castorp, mit Blick auf seine sinnlich schön leidende Geliebte Madame Chauchat. Mysteriöse Ohnmachtsanfälle, noble Blässe – im 19. Jahrhundert galt es als schick, an Lungenkrankheiten wie Tuberkulose zu leiden. „Der Zauberberg“ ist bei Weitem nicht das einzige literarische Werk, das einen bewundernden Blick auf Krankheiten wirft. So zelebriert beispielsweise die Romantik den archetypischen Charakter des „brooding genius“. Der melancholische, in sich gekehrte, leidende Denker findet sich unter anderem in Werken von Lord Byron oder Henry David Thoreau. In der Malerei wird dieselbe Idee in Caspar David Friedrichs legendärem „Wanderer über dem Nebelmeer“ aufgegriffen.

Das melancholische Genie war vielleicht noch in der Romantik hip und ist ein Relikt aus einer anderen Zeit, möchte man meinen. Tatsächlich lässt sich das idealisierte Bild des in sich gekehrten und von der industrialisierten Welt abgestoßenen Denkers auch heute finden. Man öffne Instagram oder Tumblr, suche nach „#depression“ und Violà – schon erfasst sie einen, die Bilderflut zum Thema Depression. Oder sagen wir eher: die Bilderflut zum Thema „die Glorifikation von etwas, das sich viele Menschen unter Depressionen vorstellen“. Hier ein paar Beispiele.

Schaue ich mir diese Screenshots an, stellen sich mir einige Fragen.

Warum entsprechen die Körper der dargestellten Menschen stereotypischen Schönheitsidealen? Was genau tut weh und what the fuck ist okay? Was hat Katherine Heigl mit Depressionen zu tun? Dürfen jetzt nur noch stereotypisch schöne Menschen, die trotzdem erfolgreich sind, Depressionen haben? Und warum zur Hölle hat der Skinny-Jeans-Dude Engelsflügel? Und ich dachte Emo wäre tod?

Düstere Zitate, noch düstere Hashtags. Zum Großteil erinnert die Darstellung der Leute, die man unter #depression findet, an Friedrichs Wanderer: das Gesicht dem Betrachter abgewandt, gekleidet ganz in Schwarz. Ein ästhetisierender Filter, der ein komplett verzerrtes Bild von Depressionen reproduziert. 

Depressionen sind, wie jede andere psychische Krankheit auch, zuerst und vor allem anderen eine Krankheit. Und Krankheiten sind nicht ästhetisch. Sie sind weder romantisch noch individualisierend. Depressionen machen dich nicht zum interessanten Einzelgänger. Sie sind weder Zeichen für besondere Intelligenz noch für ein besonderes Bewusstsein über soziale Missstände. Wer an Depressionen leidet und sich für Suizid entscheidet, geht nicht als tragisches Opfer. Er_sie geht, weil er_sie keinen anderen Ausweg mehr sieht. Das macht ihn_sie nicht zum Helden.

Depressionen sind #auf hilfe angewiesen sein #die tage bis zum nächsten therapietermin zählen #denken, dass ein löffel erdnussbutter eine mahlzeit ersetzt #10 kilo zunehmen, weil nur noch fast food reingeht #10 kilo abnehmen, weil nichts reingeht #beim gedanken an das, was andere schaffen und was du gerade eigentlich alles tun müsstest einen panikanfall bekommen #20 zigaretten am tag rauchen bis die fingerkuppen anfangen, gelb zu werden #trotzdem nicht aufhören #selbstständig deine medikamente absetzen #sich lieber von arschlöchern schlagen lassen, als mit deinen gedanken alleine zu sein #selbstständig deine dosis erhöhen #überdosieren #kotzen und in deiner kotze einschlafen #zwänge #3 mal am tag duschen gehen #gar nicht mehr duschen gehen #um sich schlagen #schreien bis du nicht mehr kannst #hysterisch werden #dinge kaputt machen #beziehungen und freundschaften kaputt machen #anderen menschen wehtun #wichtige termine vergessen #deshalb so lange heulen bis du hyperventilierst #drogen nehmen, um wieder etwas zu spüren #zu viele drogen nehmen und dinge tun, die dich noch weiter in die depression treiben #dich komplett aufgeben #nicht mehr weinen können, weil zu viel geweint

Depressionen sind eben nicht #blackoutfit #sad #depri. Depressionen sind hässlich. Sie kosten Energie, Beziehungen, Freundschaften, deine körperliche Gesundheit. Sie machen kaputt, was du dir aufgebaut hast. Sie sind mehr als ein: „Oh, ich musste heute schon wieder weinen.“ Sie sind nicht heldenhaft. Hört auf, euch auf Depressionen einen runterzuholen.

Facebook
Twitter
Google+
http://notjanina.com/2017/01/07/auf-depressionen-einen-runterholen/

Kommentier mich!

Was denkst du?