Lohfink im Dschungelcamp: Von Victim Blaming und Slut Shaming

Über 7 Millionen Menschen saßen gestern vor dem Fernseher, als auf RTL der Startschuss für das Dschungelcamp 2017 gegeben wurde. Mit dabei wie jedes Jahr eine bunte Mischung diverser D- bis F-Promis. Einschalten oder nicht? Diese Frage erregt die Gemüter. Dass das Dschungelcamp Zuschauer*innen anzieht, weil Menschen sich zum Gespött machen und sich vor der Kamera erniedrigen, ist bekannt. Dabei ist es bei Weitem nicht das einzige RTL-Format, das auf den Sozial-Chauvinismus der Zusehenden aufbaut. Schließlich gibt es auch noch „Bauer sucht Frau“, „Schwiegertochter gesucht“ & Co.

Warum schauen so viele Leute zu? Einige stehen ganz offen dazu, dass sie auf die Trashigkeit der Sendung abfahren, andere wollen einfach mitreden können oder kommen nicht drum herum mitzuschauen, wenn das WG-Wohnzimmer voll mit rudelguckenden Menschen ist. Diejenigen, die sich selbst als privilegiert erachten, schalten selbstverständlich ausschließlich ironisch-distanziert ein und betreiben eine „Sozialstudie“. Natürlich ganz ohne voyeuristisch-sadistische Tendenzen.

Ein Pro-Dschungelcamp-Argument: Die Kandidat*innen sind erwachsen und sich demnach über die Konsequenzen ihrer Handlungen bewusst. Schließlich wird niemand dazu gezwungen in den Dschungel zu gehen. Die Teilnahme rentiert sich finanziell. Zusätzlich gibt es reichlich Promotion, was zukünftigen Projekten zuträglich ist. So weit, so nachvollziehbar.

Ich* kann mich selbst nicht davon freisprechen, schon oft genug zugeschaut zu haben und mich über Sarah Knappigs Trash-Faktor, einen fehl am Platz wirkenden Rainer Langhans oder einen egozentrischen Helmut Berger amüsiert zu haben. Die soziale Komponente spielt natürlich auch eine Rolle: Auf gemütlichen Sofas bei einem Bier mit Freund*innen zusammenzusitzen und exzentrischen, im 45 °C heißen Dschungel leidenden Trash-Promis zuzuschauen macht Spaß. Trotz aller Reflektiertheit und angebrachter Kritik am Format. Ich* gehöre also nicht zu den grundsätzlich dschungel-kritischen Menschen.

Nun war ich zugegebenermaßen ziemlich überrascht, als ich gestern den Fernseher einschaltete. Neben Neue-Deutsche-Welle-Stars von Vorvorgestern und pseudeo It-Boys saß Gina-Lisa Lohfink. Sie spricht davon, den Zuschauer*innen zeigen zu wollen, was für ein anständiger, bodenständiger Mensch sie ist. Eine Germany’s-Next-Topmodel-Referenz kommentiert sie mit den Worten: „Was habe ich denn da wieder für einen Unsinn geredet?“ Gekleidet dezent und in Schwarz, die Haare brünett. Schnell wird klar, dass Lohfink im Dschungel darauf hofft, ihr Image nach dem Prozess um die angeblich falschen Vergewaltigungsvorwürfe gerade zu rücken.


Content Note: Beschreibung sexualisierter Gewalt, Victim Blaming

Zur Erinnerung: Im August 2016 musste Lohfink vor dem Amtsgericht Berlin-Tiergarten wegen angeblicher Falschbeschuldigung zweier Männer aussagen. 2012 tauchte ein Video im Internet auf, dass sie beim Sex mit Pardis F. und Sebastian C. zeigt. Die Aufnahmen wurden gegen Lohfinks Willen veröffentlicht. Zuvor hatte einer der Täter versucht, das Videomaterial an die Bild zu verkaufen. Einvernehmlichen Sex soll das Video zeigen. In elf mit einer Handykamera aufgenommen Sequenzen sieht man sexuelle Handlungen. In einer 28-sekündigen Sequenz ist zu hören, wie Lohfink mit schwerfälliger Stimme „Hör auf“ sagt, als einer der Täter ihr während des Geschlechtsverkehrs an den Hals fasst. Sie wiederholt die Worte, als ein anderer Täter ihr seinen Penis in den Mund stecken will. Eine Anklage der Täter wegen Vergewaltigung wird fallengelassen. Stattdessen wird Lohfink vor Gericht dazu aufgefordert, sich die Aufnahmen erneut anzuschauen. Sie bricht zusammen und äußert sich unter anderem auf Facebook.

Was ich mal sagen wollte, es ist ganz furchtbar was da mit mir gemacht wird vor Gericht!Ich ziehe keine Show ab, es…

Posted by Gina-Lisa Lohfink on Mittwoch, 10. August 2016

Das Urteil: Lohfink ist der Falschaussage schuldig und wird zu 20.000 € Strafe verurteilt. Wie konnte es dazu kommen? Meine Antwort: Eine Mischung aus von vor Stereotypen triefender medialer Berichterstattung, tief verankerten Vorurteilen darüber, wie eine Vergewaltigung und demnach auch ein „echtes Opfer“ zu sein hat. Eklige Annahmen darüber, wer es „verdient hat, ein Opfer zu sein“. Eine rückständige Gesetzgebung.


Nachdem Feminist*innen, darunter auch mehrere Politiker*innen, sich zu dem Fall äußern – unter anderem Bundes-Familienminister*in Manuela Schwesig (SPD) und Vize-Fraktionschef*in der Grünen, Katja Dörner – wird die Debatte um die Verschärfung des Sexualstrafrechts befeuert. Am 10. November 2016 wurde sie gültig, die mittlerweile 50. Änderung des Sexualstraftsrechts im Strafgesetzbuch. Die Reform, für die seit dem Jahr 2000 gekämpft wurde, beinhaltet eine Neufassung des §177. Damit wird die Unterscheidung des Tatbestandes der sexuellen Nötigung und der Vergewaltigung aufgehoben. Demnach ist es nicht mehr nötig, sich physisch gegen einen Übergriff oder eine Vergewaltigung gewehrt zu haben, um vor der Justiz als „legitimes Opfer“ zu gelten. „Nein“ heißt ab diesem Zeitpunkt „nein“. Freezing – das vor Angst Erstarren – wird ebenso in die Betrachtung des Falles einbezogen wie immanente Machtgefälle und demnach ausgeübte psychische Gewalt. Mit der Reform rückt die sexuelle Selbstbestimmung Betroffener sexualisierter Gewalt wieder mehr in den Fokus. Eine erfreuliche und längst überfällige Entwicklung, die nicht zuletzt vor dem Hintergrund der in Deutschland im europäischen Vergleich unterdurchschnittlichen Verurteilungsquoten bei sexualisierten Gewaltverbrechen erreicht wurde.

Warum hat Lohfink nun eine Teilnahme am Dschungelcamp nötig?, ist man geneigt zu fragen. Wem möchte sie etwas beweisen? Die Täter untersagen RTL, Aussagen Lohfinks auszustrahlen, in denen sie von der Vergewaltigung spricht, so ein Spiegel-Online-Bericht. Laut dem Strafverteidiger der Täter, Christian Gerlach, sei jegliche Behauptung, dass es Sex gegen Lohfinks Willen gegeben hat, „selbstverständlich strafbar“. Sollte sie die Vergewaltigung in einem Live-Block ansprechen, könnte RTL die Übertragung abbrechen oder ihr den Ton abdrehen.


Content Note: Victim Blaming

Für viele Betroffene sexualisierter Gewalt war der Prozess letzten August und die ihn umgebende Berichterstattung äußerst aufwühlend. So auch für mich. Eine teils extrem stereotypisierte Berichterstattung, der man sich kaum entziehen konnte. Nervige Diskussionen im weiteren Bekanntenkreis.

„Aber sie ist doch noch rumgelaufen, nachdem sie angeblich K.O.-Tropfen bekommen hat?“

„Wie kann man denn sagen, dass man vergewaltigt wurde, wenn man danach noch Pizza essen konnte?“

„Sie hat sich ja gar nicht richtig gewehrt!“

„Es sah aber so aus, als hätte sie Spaß gehabt!“

Und auch nun, nachdem Lohfink im Dschungelcamp ist, geht es weiter. Im Lagerfeuerschein flüstert sie: „Warum hab ich nicht einfach meinen Mund gehalten und alles über mich ergehen lassen?“

„Na, die braucht wohl mal wieder Geld!“, antworten viele Zuschauer*innen.


Hört auf. Bitte. Diskussionen, ob Klamotten oder Lebensstil verantwortlich für eine Vergewaltigung machen, müssen aufhören. Nicht Betroffene, sondern Täter*innen müssen für ihre Taten verurteilt werden. Ein Nein ist ein Nein, wird immer ein Nein sein. Die erste Folge Dschungelcamp war dieses Jahr die letzte für mich. Zu wenig Lust, mich mit weiteren Diskussionen um den Fall Lohfink herumzuschlagen und weiter die kritischen Stimmen zu hören. Mein Herz schlägt wie immer für alle Betroffenen sexualisierter Gewalt. Wenn mich das #TeamGinaLisa macht, dann bin ich das gerne.

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http://notjanina.com/2017/01/14/gina-lisa-lohfink-dschungelcamp/

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