Gastbeitrag: „Mit allem, was wir sind“ – Vom Sprechen und vom Hören

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Dein Text sollte sich mit einem oder mehreren der folgenden Themen auseinandersetzen:

Über die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs und die Hearings

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs untersucht Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in Deutschland. Sie deckt Strukturen auf, die sexuelle Gewalt in der Kindheit und Jugend ermöglicht haben und findet heraus, warum Aufarbeitung in der Vergangenheit verhindert wurde. Dabei hört die Kommission vorallem Menschen an, die in ihrer Kindheit von sexuellem Missbrauch betroffen waren, um so die Möglichkeit zu schaffen, auch verjährtes Unrecht mitzuteilen.

Ein Hearing ist eine öffentliche Anhörung der Aufarbeitungskommission. Hier haben Betroffene, aber auch Zeitzeug*innen, Verantwortliche aus Institutionen und Politik sowie Fachkräfte aus der Praxis die Gelegenheit, von ihren Erfahrungen zu berichten. Ziel der Anhörungen ist es, aus den Erkenntnissen Handlungsempfehlungen an die Politik zu übermitteln und in die Gesellschaft einzubringen.

Dieser Text ist ein Zitat von der Website der Aufarbeitungskommission. Weitere Informationen findest du hier: www.aufarbeitungskommission.de


Andrea-Maria Winter spricht davon, dass die Berichterstattung in den Medien Folgen im beruflichen Feld habe. Sie spricht trotzdem. Der Saal in der Akademie der Künste in Berlin ist voller Menschen. Ich habe mir einen Platz in der kamerageschützten Zone gesucht, von dem aus ich wenig sehen kann. Um’s Sehen geht es heute nicht. Es geht darum, zuzuhören. Mutigen, die das Publikum mit in ihre Leben nehmen.

In ihre Leben als Elternteile, die perfektionistischen Anforderungen anderer Menschen begegnen, während sie die Elternrolle für sich suchen und finden müssen, oder ihre Kinder trotz finanzieller Armut großziehen. Es geht um Vorurteile, die Gewalt und Ungerechtigkeit mit sich bringen. Um die Polizei, die die häusliche Gewalt in Sabrina Tophofens Familie mit der Rechtfertigung übergeht, das sei bei Sinti doch normal. Es geht um Sexismus, wie etwa, wenn Andrea-Maria Winter von den 60er Jahren erzählt, wie sie später die Erfahrung machen muss im Beruf weniger als die männlichen Kollegen zu verdienen. Menschen nehmen uns mit in ihre Leben. Menschen, die sexualisierte Gewalt in ihrer Kindheit und_oder Jugend erlebt haben.

Sprechen über strukturelle Traumatisierungen

Die im Zusammenhang damit Gewalt oder Versagen in Strukturen erlebt haben, das sich beides fast wie ein roter Faden durch das Gehörte zu ziehen scheint: Ein Jugendamt, dessen Mitarbeiter_innen sich immer wieder in der Familie aufhalten, auch mit den Kindern sprechen, sich aber nicht die Mühe machen, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Ein Vertrauensverhältnis, das die Kinder bräuchten, um gegen die familiären Schweigegebote zu verstoßen. Von Anzeigen und Strafverfahren mit verletzenden Ergebnissen. Wir hören von durch das Jobcenter eingeschränkten Wahlmöglichkeiten einer Ausbildung. Vom späteren Vorwurf, den Andrea-Maria Winter in der Reha zu hören bekommt: Warum sie ihre Arbeitszeit reduziert habe, anstatt sich krankschreiben zu lassen. Vom Opferentschädigungsgesetz, das dringend eine Anpassung braucht, weil die Verfahren so, wie sie jetzt sind, demütigend sind. Andrea-Maria Winter nennt das, was in diesen Strukturen geschieht, wiederkehrende Traumatisierungen.

Trauma und berufliche und soziale Folgen

Der Saal wird mitgenommen in die Familien und die Milieus, in denen diese Menschen leben. Es geht um Angst und Ignoranz. In Kleinstädten, in denen niemand einer angesehenen Familie unterstellen will, dass in ihr den Kindern sexualisierte Gewalt angetan wird. In denen der Arzt, der Anne Kiefer wegen der erlittenen Verletzungen operieren muss, nur den Kommentar übrig hat, das man das mal anzeigen müsste. In Familien, in denen Elternteile Victim Blaming betreiben, Kindern vorwerfen, verführerisch zu sein, oder froh sind, ihre Ruhe zu haben. Um eine Gesellschaft, in der es berufliche und soziale Folgen hat, sich als früheres Opfer sexualisierter Gewalt erkennen zu geben.

Es geht auch anders

Aber es geht auch um Mut. Es geht darum, dass Kinder und Jugendliche allen Drohungen zum Trotz den Mund aufmachen. Von zuhause weglaufen, um zu überleben, auch, wenn die Welt, in die sie flüchten, aus unbekannten Größen besteht. Und es geht auch um die Angehörigen, die da sind: Nicole Gruber-Krohm hört nicht weg, als ihre kleine Schwester ihr von der sexualisierten Gewalt daheim erzählt. Sie erträgt, was für Angehörige folgt, wenn jemand keine Anzeige oder Konfrontation innerhalb der Familie will: Den Wunsch, helfen zu wollen, und das Gefühl, etwas tun zu müssen, aber nichts tun zu können. Später erstattet sie anonym Anzeige. Margret Bartholomé glaubt ihrem Sohn, als er sich ihr anvertraut und konfrontiert den Täter, thematisiert die Gewalt in der Familie, hat Schuldgefühle, nichts gemerkt zu haben. Die Geschwister stehen zu ihrem Bruder. Keine Selbstverständlichkeit: In anderen Familien möchten die Familienmitglieder nicht glauben, dass der_die Täter_in zu solchen Taten fähig ist und distanzieren sich nach der Aufdeckung lieber von der Person, der die Gewalt angetan worden ist. Manchmal über Jahre und Jahrzehnte, manchmal ist der Preis, den Betroffene und die, die ihnen glauben, für einen Familienfrieden zahlen sollen, der, die sexualisierte Gewalt nicht wieder zu thematisieren. Manchmal werden die früheren Opfer aus den Familien ausgeschlossen, während die Täter_innen bleiben dürfen. Aber nicht immer. Frau Bartholomé und Frau Gruber-Krohm haben zugehört.

Wo sind die Minister_innen?

Heute hören wir zu, das Publikum. Manche sprechen auch, stehen auf, ergänzen zu bestimmten Themen mit ihren eigenen Erlebnissen. Unter denen, die aufstehen, haben einige schon oft von ihrem Leben gesprochen. Andere sprechen zum ersten Mal vor Unbekannten aus, Angehörige oder ehemalige Opfer sexualisierter Gewalt zu sein. Ein Mensch betont die Wichtigkeit, die Opferrolle zu verlassen. Für sich einzustehen.

Es fällt auf, wie viele derer, die heute sprechen und derer, die zuhören, selbst hilfreiche Strukturen geschaffen oder andere darin unterstützt haben, sie aufzubauen. Wie viel getan worden ist. Und es wird überdeutlich, wie viel zu tun ist. Von der Politik. Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs ist da und hört zu. Die Familienministerin ist da und hört zu. Ich sehe sie und frage mich, wo die anderen sind, in deren strukturelle Zuständigkeit frühere Opfer sexualisierter Gewalt fallen: Die Ministerin für Arbeit und Soziales, deren Ministerium seit Jahren eine erträgliche Neufassung des OEG verschleppt. Der Gesundheitsminister, der sich stark machen könnte für angemessene gesundheitliche Hilfen. Der Innenminister und der Justizminister, die sich dafür einsetzen könnten, Polizei und Gerichtsbarkeit gut genug auszubilden, dass Menschen, die Schutz suchen, nicht auf pures Glück angewiesen sind, um an Beamt_innen mit genug Wissen um Gewaltstrukturen zu geraten. Wo sind Sie alle?

Den Schleier heben

Dafür ist eine Vertreterin eines Jugendamts da, um sich zu Strukturen zu äußern. Einem Jugendamt, in dessen Einzugsbereich der Verfasser* des Artikels gerne gelebt hätte, als er ein Jugendamtsfall war, denn dort scheinen paradiesische Zustände zu herrschen. Der Beitrag der Jugendamtsvertreterin macht wütend, und er lässt zu wünschen übrig, dass die Aufarbeitungskommission in Deutschland baldmöglichst nicht nur mit genügend finanziellen Ressourcen ausgestattet wird, um langfristig gute Arbeit leisten zu können, sondern auch, dass sie ähnliche Rechte zugestanden bekommt wie ihr australisches Äquivalent: Dort darf die Aufarbeitungskommission Akten anfordern. Und vor allem darf die Kommission auch Personen vorladen und sich dazu äußern lassen, warum sie ihren Job nicht im Sinne der jeweiligen Kinder gemacht haben.

Ich bin dankbar, als jemand im Publikum aufsteht und die Schilderungen als das bezeichnet, was sie sein dürften: Realitätsfern für die meisten Jugendämter, inklusive der „Verbesserung“ in den letzten ein, zwei Jahrzehnten. Dass jemand von der Aufarbeitungskommission die Vertreterin darauf hinweist, dass die Ausbildung der Fachkräfte sexualisierte Gewalt längst nicht als Pflichtthema im Lehrplan hat, was ein Student aus dem Publikum als eigene Erfahrung unterstreicht. Und die Haltung gegenüber Menschen unter 18 oder 14 ändert sich nicht durch Zauberhand. In unserer Gesellschaft gibt es nach wie vor die Probleme, die Sabine Andresen in ihren einleitenden Worten anspricht. Von denen ist eins, dass „Kindern deshalb nicht geglaubt (wird), weil sie Kinder sind“. Es ist auch hier viel zu tun, es braucht Veränderungen. Wie die dahin, Kindern zu glauben. Kinder, Jugendliche und später Erwachsene, die Gewalt erlebt haben, nicht vornehmlich defizitär wahrzunehmen und in gewalttätige Strukturen fallen zu lassen, wenn sie Aspekte ihres Lebens nicht unter einem kraftraubenden Schleier verstecken wollen oder können. Ihnen Möglichkeiten zum Sprechen zu bieten und zuzuhören, inklusive der Wahl, wo und mit wem das sein soll. In kleinen Räumen oder großen wie dem des Hearings.

Respekt heißt: zuhören und Gefühle zugestehen

In den Medienberichten wird später von Tränen die Rede sein. Im Raum sind Gefühle. Bei zweihundert Personen ist es nicht erstaunlich, dass Menschen aufgeregt sind, auf der Bühne zu sprechen. Wer zuhört, fühlt mit: Wut über unmenschliche Strukturen, über gesellschaftliche Wahltaubheit. Verzweiflung, wenn der Kampf, einen Platz in der Gesellschaft zu haben, für manche Menschen jeden Tag aufs neue beginnt. Trauer um Verrat, um verlorene oder genommene Möglichkeiten. Freude über Gutes, Stolz auf selbstgeschaffene Möglichkeiten, geschaffene Strukturen. Es nimmt eine_n mit, zuzuhören. Es ist kein Vergnügen. Aber es geht auch nicht um Spaß. Es geht um Anerkennung. Anerkennung seitens der Veranstalter_innen, den Mitgliedern der Aufarbeitungskommission, für die, die sprechen. Der Raum ist zeitlich dieses Mal vielleicht noch kurz, aber er ist da. Die Sprecher_innen dürfen ihn einnehmen. Anerkennung seitens der Zuhörenden: Wir gehen mit, bleiben dabei, zollen Respekt. Sagen auch etwas, wenn es passt. Sabrina Tophofen beginnt ihren Redebeitrag mit den Worten: „Mein Name ist Mensch.“ Mensch zu sein heißt, Gefühle zu haben. Jemandem Respekt zu zollen heißt unter anderem, ihr_ihm Gefühle zuzugestehen. Sie nicht zu pathologisieren, jemandem nicht zu unterstellen, sie_er sei auf dem Weg zu einer fremd definierten Form von Heilung noch nicht so weit oder schade sich womöglich selbst in der Entscheidung zu sprechen. Respekt heißt: zuhören. Da bleiben. Respekt vor sich selbst zeigen und eine Pause machen, wenn man eine Pause braucht. Sich von Sterilität statistischer Zahlen zu verabschieden tut weh, weil man den Schmerz sieht, den Gewalt verursacht. Es macht aber auch Hoffnung: Da sind Menschen, die die Gewalt und die gewalttätigen Strukturen erlebt und überlebt haben. Da sind viele Menschen, die aus ihrer Erfahrung heraus etwas bewegen. Die andere Menschen bewegen. Mit allem, was dazugehört.


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