Dankbarkeit mal 178

Da ich* mich in den letzten Monaten genug über mein Leben in Bayern beschwert habe, wird es Zeit für einen Perspektivenwechsel. Radikale Dankbarkeit als Reaktion auf externe Umstände. Und als Form der friedlichen Auflehnung. Dabei bin ich* direkt in die Vollen gegangen und habe mir 178 Dinge überlegt, für die ich dankbar bin. „Warum denn genau 178 Glücklichmacher?“, fragst du dich jetzt vielleicht. Die Antwort: Ich wohne heute seit genau 178 Tagen in München und suchte pro Tag mindestens eine Sache, für die ich dankbar bin. Diese Liste zusammenzustellen war, wie zu erwarten, gar nicht mal so einfach.

Was ist denn eigentlich Dankbarkeit?

Dankbarkeit bedeutet für mich, die Umwelt bewusst wahrzunehmen und wertzuschätzen. Die guten Dinge im Alltag anzuerkennen. Sich einen Moment Zeit zu nehmen und die positiven kleinen Dinge zu spüren, anstatt sich auf das Negative zu fokussieren.

Besonders wenn die schlechten Gefühle überhand nehmen, hilft mir Dankbarkeit, mich aktiv auf gute Dinge zu konzentrieren. Gute Dinge sind die, die mir ein wohlig-warmes Gefühl und Kraft geben. Und aktiv zu spüren heißt für mich: innehalten und fühlen. Ein Gefühl nicht weiterziehen zu lassen, sondern einen Moment festzuhalten. In mich hineinhorchen, was genau mich jetzt gerade glücklich macht. Und genau diese Sache zu Papier zu bringen (oder abzutippen). So kann ich* mich immer wieder daran erinnern. Übrigens bringt mir das „Dankbarkeits-Training“ am meisten, wenn ich* es täglich mache; wenn ich* jeden Tag vor dem Schlafengehen zehn Dinge aufschreibe, für die ich* dankbar bin. Das hilft dabei, die Umwelt bewusster und positiver wahrzunehmen.

Wofür soll ich dankbar sein?

Dinge, für die du dankbar bist, müssen nicht groß oder bedeutsam sein. Das können Sachen sein, die du in der Natur gesehen hast. Tiere oder Pflanzen. Oder ein besonders schöner Moment, den du erlebt hast, ob drinnen oder draußen. Du kannst aber auch für Dinge dankbar sein, die du mit Menschen getan hast. Wichtig ist dabei nur, dass die Dankbarkeit authentisch aus dir kommt. Das heißt: Du solltest keine Dinge aufschreiben, für die du eigentlich dankbar sein „müsstest“ oder „solltest“. Nichts, wozu du dich moralisch verpflichtet fühlst oder weil es andere von dir erwarten. Nur ehrliche Dinge gehören auf deine Liste – auch wenn sie noch so klein sind. Da gibt es kein richtig oder falsch, denn letztendlich ist auch Dankbarkeit nur ein Gefühl. Allerdings eins, das die Kraft hat, die Gedanken von negativen Empfindungen wegzulenken. Und das ist doch gar nicht mal so übel, oder?

Schau dir doch mal meine Liste an und lass dich von den großen und kleinen Sachen darauf inspirieren.


178 Dinge, für die ich dankbar bin

  1. der große Baum gegenüber von meiner Wohnung
  2. die Vögel, die darin wohnen und der Lärm, den sie machen
  3. der Rabe, der fast jeden Tag vorbeikommt und krächzt
  4. die Isar
  5. wie sich das Sonnenlicht auf ihrer Wasseroberfläche bricht
  6. am Isar-Ufer in der Sonne sitzen und Hunde anschauen
  7. der Blick von der Brudermühlbrücke
  8. die Mitarbeiter*in bei der Bank, die mir trotzdem den Dispokredit gewährt hat
  9. der nette Mitarbeiter* im Burgerladen um die Ecke, der immer so freundlich ist
  10. die Frau* an der Kantinen-Kasse, die mir schon einmal eine kleine Portion berechnet hat, weil ich nicht genug Geld für die große Portion in der Tasche hatte
  11. der Dozent*, der gesagt hat, dass ich Talent habe und nicht aufhören soll zu bloggen
  12. die Menschen, die im Seminar meine Ideen ernstgenommen haben
  13. meine Miete zahlen zu können
  14. nicht hungern zu müssen
  15. das gefühlt bequemste Bett der ganzen Welt zu haben
  16. in genau diesem zu liegen und dem Regen zuzuhören
  17. der Semmel-Mann*, der mir eine Leberkas-Semmeln billiger gegeben hat, weil ich schon wieder nicht genug Kleingeld dabei hatte
  18. Eierlikör-Krapfen
  19. meine Friseur*in, weil bei ihr sein sich anfühlt, wie eine Freund*in zu besuchen
  20. die Menschen auf der Queer-Party im Feierwerk
  21. die Fitness-Trainer*in, die gesagt hat, dass es okay ist, langsam zu machen
  22. Oma und Opa für’s Oma-und-Opa-sein
  23. die Ärzt*in, die menschlich war
  24. die andere Ärzt*in, die parteiisch ist
  25. die Pfleger*in in der Klinik, die sich Zeit für mich genommen hat
  26. nach Hilfe fragen zu können
  27. Hilfe zu bekommen
  28. die Schwäne, Gänse und Möven am Moldau-Ufer
  29. zum ersten Mal eine Synagoge von innen gesehen zu haben
  30. Prag zur Weihnachtszeit
  31. billigen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt in Prag
  32. lachen über rote Kristall-Amphoren
  33. keinen Krebs zu haben
  34. die Feuerblume
  35. die Arbeitskolleg*in, die in ihrer Freizeit einen meiner Texte redigiert hat
  36. die Kolleg*in, die mich eingeladen hat, Weihnachten mit ihrer Familie zu feiern
  37. die andere Kolleg*in, die das gleiche gemacht hat
  38. dass jetzt wirklich „jetzt“ ist
  39. die Zeit, die tatsächlich vieles erträglicher macht
  40. die Verkäufer*in beim Bäcker, die immer ein Lächeln für mich übrig hat
  41. die fremde Frau*, die mir Taschentücher gereicht hat
  42. meinen Blog, der nur mir gehört
  43. schreiben zu können, worüber ich will, ohne Angst vor Verfolgung haben zu müssen
  44. Menschen, die meine Artikel lesen
  45. Menschen, die über Dinge, die ich* schreibe, nachdenken
  46. Diskussionen, die ich* anrege
  47. Menschen, die sich von meinen Texten berührt fühlen
  48. dass meine Texte geliked, retweeted und geteilt werden
  49. konstruktive Kritik, die mich ermutigt, weiterzumachen
  50. Solidarität und Parteilichkeit
  51. die Freund*innen, die trotzdem da sind, obwohl sie weit weg sind
  52. Briefe
  53. verrückte Eissorten vom verrückten Eismacher
  54. der Drachenbaum, die Palmen und Aloe Veras, die bei mir wohnen
  55. die Kräuter und Narzissen in meinen Blumenkästen
  56. meine Blumenkästen
  57. die Ruhe auf dem Südlichen Friedhof, während drum herum die Stadt weitertobt
  58. auf dem Rücken treiben lassen im Müller’schen Volksbad und dabei
  59. die Jugenstil-Deckenverzierungen bewundern
  60. die Krokusse, die jetzt anfangen zu blühen
  61. die freundliche Mitarbeiter*in an der Kasse in den Kinos Münchner Freiheit
  62. dass Kunstmachen auch in München funktioniert
  63. petrolfarbene Wände
  64. die Möglichkeit, Dinge zu verändern
  65. senfgelb-orangene Wände
  66. den Lärm, den die Kinder von der Tagesstätte machen, wenn sie draußen spielen
  67. und dass sie dabei genauso klingen wie die Kinder in der Tagesstätte in Bielefeld
  68. die Leute, die für die Obdachlosen in der Fußgängerunterführung an der Kapuzinerstraße mit Matratzen, Bettzeug, Stofftieren und Pflanzen einen Schlafplatz eingerichtet haben
  69. die Frau*, die sich in meiner ersten München-Woche an der Bahnhaltestelle neben mir genauso erschrocken hat, als es laut geknallt hat und wir erstmal laut lachen mussten
  70. der freundliche ältere Mann* im Supermarkt, der mir* geholfen hat, die Brötchen aus der Ablage zu fischen, als meine Hände voll waren
  71. Manti
  72. an einem Tag mehr Schnee, als ich in den letzten Jahren gesehen habe
  73. das Kraftwerk
  74. die Leute, die man dort beobachten kann
  75. das Plakat von „Medea“, das eine zeitlang überall hing
  76. „Das Schloss“ im Volkstheater München
  77. Käsespatzen
  78. Brotzeit
  79. die kleinen Läden im Glockenbach-Viertel und dass
  80. schwule Lederfetisch-Läden dort neben Babybekleidungsgeschäften friedlich koexistieren
  81. Matcha-Tee im Tushita Teehaus
  82. Menschen, die nicht hinter dem Rücken anderer reden
  83. Menschen, denen Kommunikation auf Augenhöhe wichtig ist
  84. Menschen, die es nicht nötig haben, andere einzuschüchtern
  85. Menschen, die die Leistungen anderer anerkennen
  86. Menschen, die andere nicht bevormunden oder sich über sie stellen
  87. Menschen, die ihren Horizont erweitern
  88. Menschen, die andere Lebensentwürfe und Einstellungen respektieren
  89. Menschen, die mit dem, was sie haben, zufrieden sind
  90. Menschen, die meinen Horizont erweitern
  91. das Konzert von Kate Tempest
  92. eine Hand in meiner im Stroboskop-Licht
  93. „it’s 4:18“
  94. dass du nicht heimgefahren bist
  95. dass aus einer Wohnung ein Zuhause wird
  96. zusammen albern sein
  97. dass es nicht perfekt ist und deshalb genau richtig
  98. dass wir ziemlich ähnliche Dinge scheiße finden
  99. dass es sein darf wie es ist
  100. den bunten Weihnachtsbaum mit Gewürzgurken-Kugel
  101. die Roboter-Weihnachtskugel
  102. die Gamecontroller-Weihnachtskugel
  103. Paulaner Spezi
  104. das Frauenfitness-Studio
  105. der freundliche Pförtner* in der Staatsbibliothek
  106. Menschen, die ernstgemeint fragen, wie es mir geht
  107. Super Mario auf dem Super Nintendo
  108. zu spüren, dass Menschen an mich denken
  109. Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung
  110. die große Pflanze direkt neben meinem Schreibtisch auf der Arbeit
  111. der lila Tesa-Dino
  112. die Hasen-mit-roten-Augen-Post-Its
  113. die Kuscheldecke von der Kollegin*, die ich* mir leihen darf, wenn ich* friere
  114. Gummibärchen und Muffins und Zimtschnecken auf der Arbeit
  115. Sonntagmorgen-Pfannkuchen
  116. weniger Albträume
  117. der Breakfast-Train
  118. Stille
  119. Räucherstäbchen
  120. Leute, die in überfüllten U-Bahnen und auf Rolltreppen wenigstens versuchen, Abstand zu halten
  121. der Nachbar, der mich bei sich aufgenommen hat, als mein Wohnungsschloss kaputtgegangen ist und
  122. der mich hat bleiben lassen, obwohl er gerade am kochen war
  123. das „mitten in der Nacht aufstehen und Tee machen“
  124. die Sauna und
  125. dass ich dort meine Angst vor Nacktheit (zumindest temporär) überwinden konnte
  126. dass ich* mich bei deinen Freund*innen wohl fühlen kann
  127. Wakame Udon und Kimchi
  128. „flatlands, I want simplicity“
  129. Phantastische Tierwesen
  130. die tollen Gastbeiträge auf meinem Blog
  131. tagträumen beim Schaufenstergucken in der Theatinerstraße
  132. Menschen beobachten, die in diesen Läden einkaufen
  133. dass ich die Waschmaschine bezahlen konnte
  134. die Tram 19, die an den schönen Gebäuden in der Innenstadt vorbeifährt
  135. in einer Stadt zu leben mit wunderschöner Architektur
  136. das Sonntags-Podcast-im Bett-hören
  137. Sonntags-Maske
  138. Einhorn-Make-up-Bürsten
  139. Einhorn-Puschen
  140. eigentlich alles mit Einhorn-Motiv
  141. dass es auch in München Orte gibt, an denen ich meine Perücken tragen kann
  142. dass mir Menschen im Nachtleben offen und freundlich begegnen, wenn ich* mich expressiv kleide
  143. dass ich* auch als queerer Mensch in München Orte habe, an denen ich* mich frei fühlen und ohne Angst bewegen kann
  144. nachts zusammen malen
  145. das „am nächsten Tag nochmal zusammen schauen, was man eigentlich gemalt hat“
  146. meine Bilder an der Wand
  147. „Mustang“ von Deniz Gamze Ergüven
  148. die Yoga-Lehrer*in, die auch Feminist*in ist
  149. neue Zugänge zu meinem Körper
  150. Hühnersuppe, weil sie alles besser macht
  151. das Hühnersuppen-Rezept von Mama
  152. feministische Solidarität auf Social Media
  153. feministische Blogs, die intersektional sind
  154. Body-Positivity
  155. feministisches Vokabular, das mir hilft, Worte für vorher Unaussprechliches zu finden
  156. dass du mir den perfekten Song zur perfekten Zeit geschickt hast
  157. die Möglichkeit zu gehen
  158. der Arzt*, der mich ernstgenommen hat
  159. dass du mir deine Kirche gezeigt hast
  160. dass ich* deine Klamotten tragen darf
  161. eine erste gemeinsame Tradition
  162. Zukunftspläne
  163. ein Ort, an dem ich* mich sicher fühlen kann
  164. dass alle willkommen sind
  165. dass die Bilder wieder bunter werden
  166. in einer Stadt mit einer queeren Szene zu leben
  167. zusammen über die gleichen Dinge weinen
  168. ausruhen dürfen
  169. Kritik, die wachrüttelt
  170. authentische Texte über psychische Krankheiten
  171. Menschen, die nicht mitmachen
  172. Menschen, die dagegen sind
  173. Menschen, die nicht stumm bleiben
  174. Menschen, die anderen mit Respekt begegnen
  175. Menschen, die anderen die Wahl lassen
  176. Geduld
  177. Menschen, die uneigennützig lieben
  178. die Blätter an den Bäumen im Wind

Du siehst: Man kann dankbar für echt viele Sachen sein – wenn man nur ein wenig nach rechts und links schaut. Probier es einfach mal aus 🙂

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Ich mag den Blogartikel… warm fuzzy feelings :)!

Dankeeeschön und bitte für die fuzzy feels

Ein sehr motivierender Beitrag, um mehr auf die kleinen Dinge im Leben zu achten! Danke dafür!
Liebe Grüße, Julia der Psycho 😉

Sehr gerne ☺ Ich freu mich, dass dir mein Text gefällt. Dankbarkeit kommt leider im Alltag oft zu kurz. Ich versuche momentan aber zu „üben“ und mir darüber bewusst zu werden, dass es viele Dinge gibt für die man dankbar sein kann ☺ Liebe Grüße zurück!