Wir sind viele: Was ist eine Dissoziative Identitätsstörung?

Im Mai dreht sich auf iamnotjanina alles um psychiatrische Diagnosen, das Leben und den Umgang damit. Was bedeutet es, mit einer Diagnose zu leben? Wie fühlt sich eigentlich Schizophrenie an? Schränkt einen eine Depression wirklich so sehr im Alltag ein? Und was ist eine Dissoziative Identitätsstörung?

Diese und viele weitere Fragen versuche ich* in den nächsten Wochen zu beantworten. Aus diesem Grund habe ich ganz verschiedene Interviews mit ganz verschiedenen Leuten geführt. 

Los geht es mit Daniel [Name geändert]. Er lebt seit seiner Kindheit mit Dissoziativer Identitätsstörung. Ich* treffe ihn an einer deutschen Universität. Wir machen es uns in einem verlassenen Kursraum gemütlich. Hier haben wir Kaffee und Ruhe, um zu reden. Es ist ein sonniger Tag. Draußen sitzen Student*innen in kleinen Gruppen auf der Wiese und essen Eis. Daniel wirkt tiefenentspannt. Wir kennen uns. Trotzdem bin ich* vor diesem Interview nervös, möchte nichts Falsches sagen. Schnell schalte ich* das Aufnahmegerät ein.


iamnotjanina: Hi Daniel! Danke, dass du dir Zeit für mich nimmst! Wie würdest du jemandem, der noch nie von der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) gehört hat, erklären, was das eigentlich ist?

Daniel: Ganz simpel gesagt ist das, wenn in einem Gehirn und in einem Körper mehrere Persönlichkeiten sind, die sich total voneinander unterscheiden können und sich jeweils auch als eigene Person wahrnehmen. Ein bisschen komplizierter gesagt heißt das: Wenn eine Multiple Persönlichkeitsstörung (MPS) oder Dissoziative Identitätsstörung, wie es heute heißt, sich etabliert, dass ein kleines Kind sehr viel Gewalt erlebt und deswegen die einzelnen Leben, in denen es lebt voneinander trennt.

Es geht in den Kindergarten, es geht zur Schule – und dann gibt es da noch dieses parallele Leben, in dem es immer wieder misshandelt wird, in dem es sexualisierte Gewalt erlebt. Und weil diese beiden Leben im Ich-Gefühl von einem kleinen Kind noch nicht so gut unter einen Hut zu bringen sind, weil das Ich von einem kleinen Kind noch nicht so stabil ist, fängt es an, das getrennt abzuspeichern. Das heißt, das Kind hat quasi einen Speicher für das Alltagsleben und es hat einen Speicher für die Gewalt und wenn die Gewalt zunimmt, hat es vielleicht noch einen zweiten Speicher für die Gewalt. Und so weiter, bis sich aus diesen verschiedenen Speichern irgendwann Persönlichkeiten entwickeln. Eigene Persönlichkeiten mit einem eigenen Ich-Gefühl.

Vielleicht will der*die Leser*in gerade mal überlegen, was für sie ihr „Ich“ ausmacht und da wirst du merken: Das ist ganz viel Erfahrung und ganz viel Erinnerung, von dem was du erlebt hast. Und wenn so verschiedene Erinnerungen gemacht werden, die wirklich nicht miteinander vereinbar sind, dann können sich wunderbar unterschiedliche Persönlichkeiten entwickeln. Laute, leise, zurückhaltende, wütende, welche, die sanft und traurig sind, welche, die schrill und aufgedreht sind. Die teilen sich einen Körper.

In den Medien gibt es ja dieses Klischee-Bild verschiedener Persönlichkeiten, die unabhängig voneinander in einem Körper koexistieren, was aber komischerweise in den Medien oft unter dem Begriff „Schizophrenie“ läuft. Und der Begriff „Dissoziative Identitätsstörung“ ist nach dem, was ich* bis jetzt so erlebt habe, total unbekannt. Es gibt viele Leute, die damit einfach überhaupt nichts anfangen können und wenn man ihnen das dann erklärt, sind sie ganz erstaunt und sagen: ‚Oh, ich dachte, das wäre Schizophrenie!‘. Würdest du sagen, dieses Bild von verschiedenen Persönlichkeiten, die unabhängig voneinander sind und von einer Minute auf die andere „switchen“ können… stimmt das?

Das mit den plötzlichen Persönlichkeitswechseln, das stimmt, das ist möglich. Mit der Schizophrenie hat das Ganze nicht so viel zu tun. Die Schizophrenie wird ganz häufig mit der MPS oder mit der DIS, wie auch immer man das nennen mag, verwechselt, weil „Schizophrenie“ ja „gespaltene Seele“ heißt, übersetzt, während man bei Menschen, die viele sind – das  ist der Begriff – , oder Menschen, die Multis sind – das sind die beiden Worte, die Leute, die eine Dissoziative Identitätsstörung haben lieber für sich verwenden – dann ist es nicht so, dass sich wie bei der Schizophrenie, die Grenzen zwischen dem, was draußen ist und zwischen dem, was drinnen ist im eigenen Kopf auflösen. Sondern es ist immer noch sehr klar, was draußen passiert und was im eigenen Kopf passiert. Aber im eigenen Kopf passieren halt unterschiedliche Dinge, je nachdem wer gerade da ist. Und die plötzlichen Wechsel können entweder durch unterschiedliche Außenreize ausgelöst werden oder man wechselt absichtlich.

Gut, das waren jetzt erst einmal ein paar allgemeine Fragen. Nun möchte ich dir gerne einige Fragen zu dir persönlich stellen. Wie und in welchem Alter ist dir aufgefallen, dass deine Persönlichkeitsstruktur „anders“ ist als die anderer Menschen?

Das kommt darauf an, wen von uns du fragst.

Kurze Zwischenfrage: Wer spricht jetzt gerade?

Jetzt gerade spricht Daniel [lacht]. Und bei uns ist das ganz unterschiedlich gewesen, wem das wann aufgefallen ist. Wenn ich „uns“ sage, dann meine ich „alle Persönlichkeiten, die hier im Körper wohnen und die ich kenne“. Und ich wusste das schon ganz früh. Ich fand das eher komisch, dass andere Leute nicht viele Leute in ihrem Kopf haben und nicht viele Leute, die dafür sorgen, dass sie Gedächtnislücken haben, und so.

Vielleicht nochmal konkreter: Wie kann ich mir deine Persönlichkeitsstruktur vorstellen? Wie viele seid ihr und gibt es Persönlichkeitsanteile, wenn man das so sagen kann, die verschiedene Rollen oder Aufgaben übernehmen in deinem alltäglichen Leben?

Natürlich gibt es die. Vielleicht sagst du aber lieber „Persönlichkeiten“ oder „Innen-Personen“, das ist auch etwas, was Multis lieber mögen oder viele Menschen. Und natürlich gibt es Innen-Personen, die manche Dinge besser können als andere, die machen das dann. Und dann gibt es Innen-Personen, die sind so schwer traumatisiert, dass sie nicht gut mit Menschen umgehen können und eigentlich auch immer Angst haben. Und da ist es natürlich besser, wenn die im Alltag nicht rumlaufen oder nicht auf der Arbeit rumlaufen. Ich kann zum Beispiel gut mit anderen reden, ich rede gerne mit Menschen. Es gibt aber auch welche, die mögen das überhaupt nicht. Die mögen sich am liebsten in ihr stilles Kämmerlein zurückziehen und da Texte schreiben. Es gibt welche, die mögen total gerne mit Tieren umgehen. Das ist ganz unterschiedlich, wer da was am besten kann und mag.

Und wenn du dir die Persönlichkeitsstruktur sozusagen vorstellen möchtest, dann kannst du dir das vielleicht so vorstellen wie einen Computer auf dem es unterschiedliche Benutzerkonten gibt. Jeder Benutzer kann bei sich was abspeichern, es gibt aber auch Sachen, die sind in den allgemeinen Dokumenten. Da können alle drauf zugreifen. Es gibt Sachen, die können wir alle, obwohl es nur einer gelernt hat – oder fast alle. Die meisten hier können lesen, obwohl nur einer von uns zur Schule gegangen ist. Es gibt aber auch Sachen, die können nur die einzelnen Persönlichkeiten.

Sind die Innen-Personen auch unterschiedlich alt und gibt es Männer und Frauen?

Ja, unterschiedliche Gender gibt es hier. Es gibt Frauen, es gibt Männer, es gibt Trans-Menschen. Es gibt auch Innen-Personen, denen ist das ganz egal und die sagen von sich, sie haben kein Geschlecht, sie haben eine Funktion und die können sie gut erfüllen, aber mehr müssen sie nicht haben. Es gibt Innen-Personen, die sind noch sehr klein. Das sind meistens Personen, die durch Traumatisierungen entstanden sind. Manche von denen werden langsam ein bisschen älter, wenn sie ein bisschen mehr vom Hier und Jetzt mitkriegen. Andere beschließen sie möchten jung bleiben. Und es gibt natürlich auch Innen-Personen, die sind älter als der Körper.

Kannst du kontrolliert zwischen den Innen-Personen wechseln?

Ja, das können wir. Das braucht ein bisschen Übung – je nachdem, ob man sich untereinander schon gut kennt, ansonsten muss man sich erst einmal kennenlernen und dann kann man das üben. Das heißt, wenn sich viele Menschen das Interview durchlesen ist es lernbar, es braucht aber seine Zeit. Du kannst dir das vielleicht so vorstellen, wie wenn du ein Rednerpult hättest und einen ganzen Saal voller Leute und man kann sich damit abwechseln wer ans Rednerpult kommt. Das braucht natürlich auch ein bisschen Absprache, wer welchen Teil vom Vortrag übernimmt, aber das kann man abstimmen. Und wer dann am Rednerpult ist, hat dann die Kontrolle über den Körper und kann sich mit Menschen außen unterhalten.

Könnte ein Wechsel jetzt auch von außen induziert werden? Zum Beispiel, wenn du in einer stressigen Situation wärst?

Das kommt auf die Situation an. Wir haben viel Übung darin absichtlich zu wechseln, aber nehmen wir jetzt mal an, ich gehe gleich aus dem Raum und draußen auf der Straße passiert ein Verkehrsunfall. Dann mache ich automatisch Platz für denjenigen, der sich mit erster Hilfe gut auskennt oder der ganz schnell bei der Feuerwehr anrufen kann. Das mache dann nicht ich. Ich käme dann vielleicht wieder, wenn es darum ginge, jemanden zu beruhigen, der das Ganze gesehen hat und sich aufgeregt hat.

Was anderes ist es, wenn das automatisch passiert, von ganz alleine. Viele zu sein hat zwei gute Gründe, warum das menschliche Gehirn das bei kleinen Kindern hervorrufen kann. Der eine ist, um dem Kind, das den Alltag lebt – mit der Kita, mit der Schule – um diesem Kind die fürchterlichen Erinnerungen zu ersparen. Das Phänomen, dass schreckliche Erinnerungen abgespalten werden, kennt wohl jeder, der mal einen schlimmen Verkehrsunfall miterlebt hat oder vielleicht auch als Erwachsener eine Vergewaltigung. Der zweite gute Grund ist, dass irgendwann, wenn das Wechseln so gut geübt ist, sich das kleine Kind sich irgendwann wie ein Chamäleon an jede Situation anpassen kann. Das heißt, das kleine Kind kann das gar nicht kontrollieren, aber es wird automatisch so wechseln, wie das für die Situation am besten ist. Wenn das Kind gerade nachmittags bei den Hausaufgaben sitzt und plötzlich kommt die Mutter rein, die es immer missbraucht, dann wird das Kind automatisch wechseln, die weiß, wie sie den Missbrauch am besten übersteht. Und das funktioniert im Notfall immer noch. Wenn ich in einer Notsituation wäre und ich wüsste gerade gar nicht, welche Person ich da jetzt am besten bitte, dass sie die Front übernimmt, dann würde unser Persönlichkeitensystem automatisch den nach vorne schmeißen, der das gerade am besten handeln kann, was da gerade passiert. Das ist eine ganz gute Reißleine.

Okay, also wir haben auf der einen Seite das kontrollierte Wechseln und auf der anderen Seite das automatische Wechseln in Notsituationen. Wie hast das das kontrollierte Wechseln denn gelernt?

Um das zu schaffen, war es erst einmal Notwendig, dass wir lernen untereinander zu kommunizieren. Manche Personen konnten das schon ganz lange, andere mussten erst lernen den anderen zuzuhören und sich einzugestehen, dass die anderen da sind. Und wenn man das gelernt hat miteinander zu kommunizieren, dann kann man auch Absprachen treffen. Vielleicht erst einmal schriftlich, über ein Tagebuch oder einen Terminkalender, und dann irgendwann so, dass man sich sozusagen im Kopf miteinander unterhalten kann.

Welche Rolle spielt Therapie dabei?

Therapie kann da sehr hilfreich sein, gerade, wenn eine der Personen sich nicht eingestehen will, dass sie zum Beispiel Gedächtnislücken hat oder wenn sich eine der Personen nicht eingestehen will, dass da noch andere außer ihr sind. Das ist natürlich, wenn man dachte, dass man in seinem Kopf alleine ist, ein riesengroßer Schreck. Vor allem wenn man die anderen dann vielleicht gar nicht mag. Vor allem wenn jetzt ganz lange jemand den Alltag gelebt hat, der sehr ruhig und friedfertig ist und der sich dann damit auseinandersetzen muss, dass im Kopf irgendeine brutale Schlägerin rumläuft. Also, dass eine andere Innen-Person sehr brutal und sehr wertend und sehr gemein ist, dann ist das Überwindung. Bei sowas kann Therapie helfen.

Aber da gibt es auch andere Mittel und Wege. Therapie ist gut, aber nicht das einzige, was geht. Es gibt gute Selbsthilfe, es gibt gute Beratungen. Das ist für mich jetzt natürlich nichts, aber die Frauenberatungsstellen haben hier im Land sehr viel Ahnung vom Thema und können oft sehr gut beraten. Und auch bei Therapie ist immer das wichtigste: Die meiste Arbeit macht der Klient. Das heißt neben dieser einen Stunde, die Menschen Therapie in der Woche haben, ist zwischendurch ganz viel Arbeit zu tun und die muss man natürlich selbst machen.

Inwiefern hast du denn jetzt noch mit Erinnerungslücken zu kämpfen? Kommt das überhaupt noch vor oder sind die Innen-Personen so gut miteinander vernetzt und in Kontakt, dass du das gar nicht mehr hast?

Wir haben ab und zu noch Erinnerungslücken, aber die lassen sich im Nachhinein schließen. Das ist natürlich sehr schön, denn das heißt, dass wir nicht immer alle permanent zugucken müssen, was die anderen machen, sondern, dass wir uns auch mal zurücklehnen können und sagen können: „Nein, jetzt geht’s um… zum Beispiel… Sexualität in der Partnerschaft. Da möchte ich gar nichts von sehen. Ich dreh mich jetzt mal um und guck nicht zu und hör nicht zu“. Oder eine Tagung ist mal sehr langweilig und… [lacht] und dann kann man jemand anderes da hinschicken. Aber dann ist natürlich klar, wenn man das mitbekommen hat, dass man im Nachhinein wenigstens grob wissen möchte was da passiert ist. Und das können wir uns dann gegenseitig sagen.

Magst du mal ein bisschen erzählen wie lange du schon in therapeutischer Behandlung bist?

Ich bin jetzt seit sieben Jahren in therapeutischer Behandlung, aber ich war die ersten Jahre davon fehldiagnostiziert. Das passiert leider ganz vielen viele Menschen. Die werden dann als Paranoid-Schizophrene gehandelt, oder „nur“ als schwer Depressive oder als Borderliner*innen – das ist ganz beliebt. Oder als Leute mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Bei mir hat das auch ein paar Jahre gedauert bis ich gesagt hab, was mit mir ist und bis vor allem auch die Therapeuten auch verstanden haben was mit mir ist und bis ich dann jemanden gefunden habe, der das behandeln wollte. Weil es viele Therapeuten gibt, die mit multiplen nicht arbeiten wollen. Weil das natürlich so ist, wie wenn man mit einer Einzelperson Gruppentherapie machen muss. Ich möchte ein bisschen Werbung machen: Viele Menschen sind sehr spannende Patienten und Patientinnen (lacht].

Nimmst du momentan Medikamente und wenn ja, was für welche sind das?

Nein, ich nehme keine. Ich fände manchmal die Vorstellung schön, manchmal wieder Schlafmittel zu nehmen, wenn man Albträume hat oder wenn man nicht einschlafen kann. Aber nachdem ich mir durchgelesen habe, was die Wirksamkeitsstudien zu diesen Medikamenten sagen und nicht die Werbung, habe ich beschlossen, dass ich mich damit nicht vergiften möchte.

Hast du denn schon mal was genommen während deiner Behandlung? Wurde dir schon mal was verschrieben?

Ja, ich habe unter meinen ersten Therapeutinnen Antidepressiva genommen, Beruhigungsmittel und Schlafmittel.

Das war dann wahrscheinlich zu der Zeit als du noch eine andere Diagnose hattest, oder?

Ja.

Gibt es denn eigentlich spezifische Medikamente, die bei DIS eingesetzt werden?

Nein, die gibt es nicht. Was häufig schwierig ist bei Patienten mit Dissoziativer Identitätsstörung ist, dass Innenpersonen unterschiedlich auf verschiedene Medikamente reagieren können, das heißt es gibt bei mir zum Beispiel Innenpersonen, die können ganz viel Diazepam nehmen und werden immer wacher davon. Das nennt man paradoxe Reaktion, das kann vorkommen. Es gibt aber auch welche, die schlafen davon sofort ein. Und es gibt natürlich welche, die würden das gar nicht nehmen – unter keinen Umständen.

Du hast gerade angesprochen, dass du früher fehldiagnostiziert warst. Da fällt mir auch gerade auf, dass du die Depression erwähnt hast, das Borderline-Syndrom und so weiter. Wie äußert sich die DIS symptomatisch? Da scheint es dann ja einige Überschneidungen zu anderen psychischen Krankheiten zu geben…

Es gibt bei Dissoziativer Identitätsstörung häufig das Phänomen, das die Personen, die den Alltag machen, sich so daran gewöhnt haben den Alltag zu machen, dass ihnen Gedächtnislücken gar nicht mehr auffallen. Das ist eine der Besonderheiten der DIS, dass die Innen-Personen für einander zumindest zum Teil amnestisch sind. Das heißt, die kriegen voneinander gar nichts mit, auch, wenn sie es teilweise gar nicht möchten. Das muss nicht unter allen Persönlichkeiten immer so sein, aber es muss wenigstens unter manchen diese Gedächtnislücken geben. Und wenn man sich so daran gewöhnt hat, dass man schon nicht mehr darüber nachdenkt, dann wissen die drei oder vier Personen, die den Alltag von jemandem leben vielleicht gar nicht, dass sie die Dissoziative Identitätsstörung haben oder dass da andere sind. Oder sie haben wie ich gelernt, dass sie niemandem jemals irgendwas davon sagen dürfen, weil sie sonst fürchterlich dafür bestraft werden. Das heißt aber noch lange nicht, dass diese einzelnen Persönlichkeiten nicht eigene psychische Erkrankungen kriegen könnten. Wenn also die eine Person, die den Alltag macht darunter leidet, dass sie diese Erinnerungslücken hat und weiß, dass etwas falsch ist, dass etwas nicht stimmt… Die kann depressiv werden. Eine andere Innen-Person, die ganz schlechte Beziehungserfahrungen gemacht hat, und die vielleicht keine guten außer den Gewalterfahrungen gemacht hat, kann vielleicht irgendwann eine Borderline-Symptomatik haben. Innen-Personen können essgestört sein, können vielleicht sogar psychotisch wirken… Da ist einiges möglich. Das macht es natürlich nicht einfacher, wenn man möchte, dass es allen Innen-Personen gut geht. Man muss sich kennenlernen, man muss lernen sich zu ertragen, man muss lernen miteinander zu reden… Und dann haben die Innen-Personen vielleicht auch noch eigene Störungen.

Inwieweit fühlst du dich durch die DIS eingeschränkt in deinem Alltag?

Ich fühle mich gar nicht eingeschränkt. Ich lebe so, seitdem ich mich erinnern kann und es ist in Ordnung. Ich kenne es nicht anders. Ich würde mich eingeschränkt fühlen, wenn ich die ganze Zeit meinen Alltag leben müsste…

Das wäre nämlich jetzt auch meine nächste Frage gewesen, ob du dir vorstellen kannst wie es wäre, wenn du jetzt „nur mit dir“ wärst? Wenn da nur Daniel wäre.

Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Und von den anderen hier können sich das viele auch gar nicht vorstellen. Wir sind es einfach so gewohnt und es ist gut so. Was nicht gut ist, und da schränkt uns aber nicht die Dissoziative Identitätsstörung ein, sondern da schränken uns die typischen Traumafolgesymptome ein. Das sind Flashbacks, Albträume… Das sind die fürchterlichen Erinnerungen mit denen wir leben müssen, wenn wir die der eigenen und die der anderen Innen-Personen dann eben kennen. Aber das sind Probleme, die kennen Menschen, die alleine in ihrem Kopf sind und die eine PTBS haben, auch.

Hilft dir die Therapie mit diesen Symptomen umzugehen?

Ja, die hilft mir sehr. Aber was mir noch mehr hilft sind meine Freunde. Oder unsere Freunde. Weil unsere Freunde fast alle wissen, dass wir viele sind und weil unsere Freunde damit sehr gut umgehen können. Und was uns auch sehr gut hilft ist Selbsthilfe. Der Austausch mit anderen, die viele sind und gegenseitige Hilfe. Und dann auch das füreinander da sein. Meinen Therapeuten kann ich nachts bestimmt nicht anrufen, wenn ich nachts aus einem Albtraum aufwache und es geht mir richtig schlecht und ich möchte gerne mit jemandem reden. Meine Freunde sind vielleicht noch wach oder dann kann ich gucken, ob von den Menschen aus meinem Selbsthilfenetzwerk noch jemand online ist und dann kann ich mit denen reden.

Vielleicht abschließend eine Frage zur therapeutischen und medikamentösen Behandlung einer Dissoziativen Identitätsstörung. Wie stehst du dazu und gibt es da Verbesserungsbedarf?

Da gibt es ganz, ganz großen Verbesserungsbedarf. Bei der medikamentösen Therapie müssen die Leute natürlich für sich wissen, was sie nehmen möchten und was nicht. Ich halte es für dringend notwendig, dass Psychiater besser darüber aufklären, welche Nebenwirkungen Medikamente haben können. Dass regelmäßig kontrolliert wird, wie Patienten das überhaupt vertragen. Es ist ganz oft so, dass zum Beispiel die Leberwerte nicht mehr kontrolliert werden. Das darf nicht sein, sowas. Oder dass Leute hochdosierte Beruhigungsmittel dann als ganz normales Medikament bekommen und nicht nur für Notfälle. Die Leute werden dann abhängig …

… Du hast ja gerade schon Diazepam erwähnt.

Das wird ganz häufig verschrieben, wenn nichts anderes mehr wirkt. Das macht abhängig und hat fürchterliche Nebenwirkungen. Also ist es nötig, dass über Nebenwirkungen besser aufgeklärt wird und auch über Folgeschäden, die Psychopharmaka hinterlassen können.

Und bei den Therapien liegt der Verbesserungsbedarf darin, dass wir viel zu wenig Therapeuten haben. Es gibt ohnehin zu wenig Trauma-Therapeuten in Deutschland und was wir ganz dringen brauchen sind Therapeuten, die freiwillig mit Patienten arbeiten, die viele sind. Und was wir ganz dringend brauchen ist eine andere Therapiedauer, weil da zwei, drei Jahre nicht ausreichen. Wenn man sich vorstellt, dass da 20, 30 oder 40 oder sogar über 100 Leute sind, die untereinander erst einmal Vernetzungen kriegen müssen, dann brauchen die einfach mehr Zeit. Dann ist das nicht mit einer Therapie getan, die vielleicht, aber auch nur vielleicht und auch das meistens nicht, bei einer einzelnen Persönlichkeit ausreichen würde.

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[…] Hier geht es direkt zu meinem ersten Interview: Mit Daniel spreche ich über das Leben und den Umgang mit der Diagnose Dissoziative Identitätsstörung. […]

Wow ein echt interessantes Interview! Solche Themen sollten in unserer Gesellschaft viel häufoger angesprochen werden. Vielen Dank auch an Daniel für seine Offenheit!
Herzliche Grüße, Julia

Dankeschön ☺ Das sehe ich genauso. Das Kompliment leite ich weiter an Daniel

Vielen Dank!

Danke für eine mal wirklich gute Darstellung der Problematik. Falls du mehr über DIS lesen willst und wie das so ist…guck dir gern mal meinen kleinen Blog an. http://www.regenbogenwetter.de

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