„Auch nur eine Minute später oder eher zu essen war die Hölle für mich“ – So fühlt sich Anorexie an

Hungern, exzessives Sporttreiben, die obsessive Beschäftigung mit dem eigenen Körpergewicht – Verhaltensweisen, die auf eine Essstörung hindeuten können. Die Anorexie ist eine in Deutschland besonders verbreitete Essstörung. 2015 wurden in deutschen Krankenhäusern über 8.000 Fälle von Anorexia nervosa und 2.000 Fälle von Bulimie diagnostiziert.

Bis Betroffene sich in Behandlung begeben, haben sie aber oft einen langen Kampf mit sich selbst hinter sich. Viele Menschen, die mit einer Essstörung leben, sehen ihr Essverhalten selbst nicht als gestört, sondern als Teil ihres Lebensstils an. Pathologisch wird die Beschäftigung mit dem Essen und Gewicht, wenn sie obsessiv wird. Diese Obsession kann sich darin äußern, dass der Tagesablauf streng auf die Mahlzeiten abgestimmt wird oder bestimmte „Regeln“ in Bezug auf das Essen aufgestellt werden. In Fachliteratur wird Anorexie noch häufig als Parade-Krankheit junger Mädchen aus der Mittel- und Oberschicht gehandelt. Tatsächlich wird Anorexia nervosa auch bei Männern* und Frauen* im späteren Lebensalter, unabhängig von ihrer Klassenzugehörigkeit, diagnostiziert.

Das Wort Anorexie kommt übrigens aus dem Altgriechischen und bedeutet so viel wie „Verlangen“. Im diagnostischen Sprachgebrauch bezeichnet Anorexie lediglich einen verminderten Appetit. Anders verhält es sich mit der Anorexia nervosa. Das ist die medizinische Fachbezeichnung für Magersucht.

Soweit zu den Zahlen und Fakten. Aber wie fühlt es sich eigentlich an, mit einer Essstörung zu leben? Ich* will es genau wissen und suche nach Menschen mit den Diagnosen Anorexie, Bulimie oder Binge Eating Disorder. Dabei stolpere ich* nicht nur über einschlägige Pro-Ana-Foren, in denen Leute sich gegenseitig in ihrer Essstörung bestärken, sondern finde zum Glück auch Gruppen, in denen Betroffene sich auf dem Weg aus der Magersucht oder Bulimie unterstützen. Pro-Ana-Postings sind hier streng verboten.

In eben solch einer Gruppe starte ich* meinen Interview-Aufruf. Binnen kürzester Zeit quillt mein Postfach über: Über 50 Nachrichten in 20 Minuten. Alle von Menschen, die mit mir über ihre Essstörung sprechen wollen. Darunter sind sowohl erwachsene Männer* und Frauen* als auch Jugendliche.

Ich* komme ins Gespräch mit Anne. Die 25-Jährige lebt seit über zehn Jahren mit einer Essstörung. Sich selbst und ihre Diagnose kennt sie gut. Und sie ist vorsichtig: Im Vorfeld klärt sie mit ihrer Therapeutin, ob sie sich stabil genug für ein Interview fühlt.


iamnotjanina: Hallo Anne! Danke, dass du mit mir über deine Essstörung sprichst – das ist bestimmt gar nicht so einfach mit einer fremden Person über ein so intimes Thema zu reden, oder?

Anne: Ich gehe sehr offen mit dem Thema um. Also ich schreibe es mir nicht auf die Stirn, aber wenn mich jemand darauf anspricht streite ich es nicht ab. Meine beiden Klinik-Aufenthalte waren in der Oberstufe, und in der Ausbildung. In der Oberstufe habe ich es jetzt nicht allen Mitschülern erzählt, aber mit den Lehrern offen darüber gesprochen und in der Ausbildung habe ich es nicht von Anfang an erzählt, aber als dann klar war ok ich gehe nochmal stationär habe ich es in meinem Kurs besprochen. Und ich kann nur sagen, das Feedback war „positiv“. Also bezogen auf meinen offenen Umgang und eben das ich mir auch Hilfe suche.
Auch mit meiner Familie rede ich da sehr offen drüber. Sage Ihnen wenn es mir schlecht geht oder ich eine schwierige Phase habe.
Ich habe bloß die Erfahrung gemacht, dass es schwer ist sich direkt über die Gedanken mit „nicht Betroffenen“ auszutauschen. Weil es schwer ist, diese nachzuvollziehen, wenn man es nicht selber durchlebt hat oder durchlebt. Deswegen tausche ich mich konkret über Gedanken, Ängste eigentlich nur mit Freunden aus, die ich in Kliniken kennengelernt habe.

Dann danke ich dir ganz besonders für deine Offenheit! Fangen wir erst einmal mit einer generellen Frage an. Was denkst du über die „Pro-Ana/Pro-Mia“-Bewegung, die zum Beispiel auf Instagram viel Zulauf hat und bei der sich essgestörte Menschen in ihrem Essverhalten und beim Ziel weiter abzunehmen bestärken? 

Davon halte ich gar nichts! Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich ziemlich früh die Einsicht hatte, dass das was ich mache nicht gut ist. Ich war nie stolz darauf Anorexie zu haben und wünsche es auch keinem. Daher kann ich es auch überhaupt nicht nachvollziehen, wie man sich gegenseitig für die Essstörung motivieren kann. Ich bin zum Glück nur einmal kurz auf diesen Seiten gewesen. Zum Glück zu einem Zeitpunkt, an dem ich die Einsicht schon hatte, dass ich etwas ändern muss. Betroffenen kann ich nur raten, solche Seiten nie zu besuchen!
Ich mache es im Gegenteil. Mit Freunden mit denen ich schreibe, wir unterstützen uns sehr in Zeiten wo es nicht so gut läuft, die gibt es einfach immer wieder, diese Zeiten so gut es geht zu überstehen.

Leider ist es ja in westlichen Gesellschaften Normalität, dass viele Menschen – besonders Frauen – ein ungesundes Essverhalten haben. Wie unterschiedet sich dein Essverhalten von dem anderer Menschen, die keine diagnostizierte Essstörung haben?

Ich denke vor allem darin, dass ich zu meinen schlimmsten Zeiten immer zu festen Uhrzeiten essen musste. War es nur eine Minute später oder eher, war das Essen die Hölle für mich. Zudem ist ein weiterer wichtiger Grund die Angst zuzunehmen, wenn nur eine Kleinigkeit verändert wird. Ich hatte feste Rituale, konnte nichts essen, wo ich nicht wusste was drin war. Deshalb musste ich alles selber zubereiten. Außerdem habe ich sehr langsam gegessen, habe immer mit einem kleinen Löffel oder einer Kuchengabel gegessen, weil es einem dadurch mehr erschien und man noch eher aufhören konnte. Zudem sieht mein Essen jeden Tag fast gleich aus. Keine Abwechslung oder Ähnliches. Eben alles aus der Angst.

Viele Menschen, die an einer Essstörung leiden, haben eine verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers. So sehen sie sich zum Beispiel im Spiegel selbst als übergewichtig, auch wenn andere Menschen ihnen sagen, dass sie Normalgewicht haben oder sogar untergewichtig sind. Wie siehst du dich selbst? Schwankt deine Körperwahrnehmung in Abhängigkeit von deiner Tagesform?

Ja, dies kann ich nur bestätigen. Rückblickend, wenn ich mir alte Fotos ansehe, kann ich es besser sehen. Aber zu dem Zeitpunkt habe ich es überhaupt nicht so wahrgenommen. Selbst bei einem BMI von 13 gab es immer noch Körperstellen, die ich als zu dick fand.
Und ja, die Akzeptanz des Körpers ist sehr stark tagesformabhängig. Es gibt Tage, an denen ich bestimmte Bereiche besser akzeptieren kann als an schlechten Tagen.

Gibt es Situationen, in denen du dein Essverhalten stärker kontrollierst?

Das sind vor allem Situationen, in denen ich nicht die 100%ige Kontrolle habe oder etwas unsicher ist. Ebenso bei Stress, zum Beispiel in Prüfungssituationen. Also alle Situationen die irgendwie mit Kontrolle oder Sicherheit zu tun haben. Wenn ich denke, dass ich nicht genug Kontrolle über mein Leben habe, merke ich das deutlich in meinem Essverhalten. Das Essen gibt mir ein Stück Kontrolle und Sicherheit zurück. Da weiß ich: „Das kann ich, darin bin ich gut“.

Wie fühlt es sich für dich an, keine absolute Kontrolle über die Nahrung zu haben, die du zu dir nimmst, z. B. wenn du in ein Restaurant gehst oder auf Reisen bist?

Es ist furchtbar. Wenn ich Essen gehe, schaue ich mir vorher meistens schon die Speisekarte im Internet an und gucke, was vielleicht gehen könnte. Meistens läuft es aber auf einen Salat hinaus. Wenn ich irgendwo eingeladen bin, frage ich vorher, was es gibt. Wenn nichts für mich dabei ist, suche ich mir meist eine Ausrede, warum ich später komme und esse etwas zu Hause oder wenn jeder etwas mitbringt bringe ich etwas mit, wo ich weiß, das kann ich auch essen.

Wie geht es dir momentan mit deiner Krankheit? Wie bist du ihr gegenüber eingestellt? Möchtest du etwas verändern?
Momentan leider gar nicht gut. Bis zum Sommer 2015 war ich stabil – sowohl vom Gewicht als auch in meinen Gedanken und Einstellungen. Ich wollte dann für den Sommer allerdings wieder ein paar Kilo abnehmen und bin dadurch in eine Stoffwechselstörung geraten. Man nennt dies auch „Hungerstoffwechsel“. Das bedeutet, dass der Körper bunkert. Sprich, je weniger du isst, desto mehr nimmst du zu, weil der Körper alles wenige, was er bekommt, verwertet. Er denkt, dass wieder eine Notsituation ansteht. Dies ist eine Störung, die bei Menschen mit Anorexie vorkommen kann. Man kommt da allerdings nur durch Essen wieder raus, da der Körper wieder Vertrauen gewinnen muss, dass er regelmäßig genügend bekommt. Bei mir hat diese Stoffwechselstörung sehr lange angehalten, da ich vom Kopf her zwischendurch immer wieder reduziert habe. Dadurch habe ich deutlich zugenommen. Das ist ganz schwer für mich.
Nun ist mein Stoffwechsel wieder so, dass er, wenn ich wenig esse ab- und nicht noch mehr zunimmt.
Dadurch bin ich zur Zeit allerdings wieder ziemlich stark im anorektischem Essverhalten und auch Denkweisen. Immerhin hat meine Vernunft dazugelernt. Da ich es nicht mehr schaffe, trotz der Vernunft, dagegen zu steuern und immer mehr und mehr reduziere, werde ich im Juni nochmals in eine Klinik gehen. Der Leidensdruck ist sehr hoch ist und ich weiß, dass ich die Wende bei meinem jetzigen Zielgewicht alleine nicht packen würde und mich weiter und weiter runterhungern würde, weil der Kopf nicht mehr gegensteuern kann.

Es tut mir sehr leid zu hören, dass es dir momentan nicht gut geht. Lass uns mal zurückschauen. Was waren die ersten Anzeichen deiner Erkrankung?
Ich wollte für den Sommerurlaub etwas abnehmen, was ich auch geschafft habe. Und auch während des Urlaubs habe ich weiter abnehmen können. Wieder zu Hause habe ich dann begonnen meine Mahlzeiten immer mehr und mehr zu reduzieren, Fettstufen zu verringern… bis es am Ende nur noch Obst und Gemüse war was ich gegessen habe. Damit einher ging natürlich auch ein weitere schneller Gewichtsverlust. Ich selbst hatte zu dem Zeitpunkt noch keine Krankheitseinsicht.

Wie bist du auf die Idee gekommen, dass du eventuell eine Essstörung hast?

Ich selber gar nicht. Als es bei mir begann war ich 15. Lebte also noch bei meinen Eltern. Eines Abends haben sie mir die Symptome der Magersucht schwarz auf weiß vorgelegt und mich gefragt, worin sich mein Verhalten unterscheidet. Da hat es bei mir „Klick“ gemacht. Allerdings wurde mir erst klar, dass ich etwas ändern muss, nachdem ich eine SMS meiner damaligen besten Freundin erhalten habe, die eigentlich nicht an mich gehen sollte. Das war der Punkt, wo mir bewusst wurde: Vielleicht ist es wirklich schlimmer als ich mir eingestehe.

Wer hat die Diagnose gestellt?
Da es damals wie heute schwierig ist, einen Therapieplatz bei einem Therapeuten zu bekommen, bin ich damals zu einer Beratungsstelle gegangen. Die Berater dort haben die Anorexie dann anhand der Symptome und meiner Gedanken diagnostiziert. Später hat es dann auch mein Hausarzt bestätigt.

Warst du schon einmal in Behandlung wegen deines Essverhaltens? Ambulant oder stationär? 

Ja, ich bin seitdem ich bei der Beratungsstelle war bis auf eine Unterbrechung von einem Jahr dauerhaft in Behandlung. Im Sommer 2009 – ein Jahr nach meiner Diagnose bin ich für 7 Wochen stationär gegangen. Danach habe ich weiter ambulante Therapie gemacht. Die Symptome sind in der Zeit aber wieder zurückgekehrt und ich bin noch mehr ins Untergewicht geraten als bei meinem ersten Aufenthalt. Bin dann von November 2012- Januar 2013 für 12 Wochen stationär gewesen und habe danach zunächst ambulante Therapie weiter gemacht. Bis zum Sommer. Dann war ich stabil und mir ging es auch richtig gut, bis ich dann im Sommer 2015 wieder einen Einbruch hatte, der auch noch anhält. Im Juni gehe ich nochmal in die Klinik.

Was denkst du: Hat dir die Behandlung geholfen oder eher nicht? Was hast du in den Therapien gelernt?
Ob mir die Behandlungen geholfen haben? Ja. Vor allem die stationären Aufenthalte. Hier ging es vor allem darum, zunächst wieder an Gewicht zuzunehmen um dann eben auch an Therapien teilnehmen zu dürfen (was erst ab einem bestimmten Gewicht sinnvoll ist). Bei beiden stationären Aufenthalten habe ich wieder ein besseres Verhältnis zum Essen bekommen, habe gelernt mit meinen Emotionen und mit Stresssituationen besser umzugehen, als durch hungern. Außerdem auch, dass man nicht von beispielsweise einem Sahnejoghurt gleich fünf Kilo zunimmt. Also eben ein besseres Verständnis dafür, was durch die Essstörung und den damit verbundenen Gedanken und Einstellungen total verzerrt ist. Der zweite Aufenthalt war für mich nochmal besser als der Erste. Vielleicht lag es am Alter, ich weiß nicht. Auf jeden Fall bereue ich keinen der Aufenthalte.

Die ambulante Therapie finde ich schwierig. Sie hat mich schon unterstützt – wobei hier nicht unbedingt die Essstörung und das Essverhalten an sich Thema war, sondern eher tiefenpsychologisch nach Ursachen und dem Umgang damit geguckt wurde. Ich denke schon, dass ich schneller den Rückschlag gehabt hätte, wenn ich nicht in ambulanter Therapie gewesen wäre.

Würdest du anderen Menschen, bei denen eine Anorexie diagnostiziert wurde, eine Behandlung empfehlen?

Ja, auf jeden Fall. Und vor allem auch so früh wie möglich. Meine Diagnose habe ich zwar auch relativ früh bekommen, aber meine Gedanken, die Einstellungen und meine Entwicklung hatte sich ziemlich schnell geändert. Aber ich habe mehrere Betroffene in Kliniken kennengelernt, die wirklich früh dort waren und die den Weg komplett aus der Essstörung geschafft haben. Ich denke vor allem auch weil die Gedanken und Ängste noch nicht so vertieft waren. Natürlich kann man das nicht allgemein sagen und es ist auch sehr individuell, aber dennoch würde ich jedem Betroffenem eine Therapie empfehlen.

Genauso wie mit der Thematik so offen wie möglich umzugehen. Ich mache es so und muss sagen, das war einer der besten Schritte, den ich machen konnte. Weil das eigene Verhalten für die Angehörigen, Freunde und Bekannten viel leichter und verständlicher wird. Aber auch mir persönlich hat es geholfen, offen über meine Essstörung zu sprechen. Das Verständnis meines Umfeldes tut mir gut.

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http://notjanina.com/2017/05/13/interview-anorexie/

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Vielen Dank für das Interview! Es hat mich sehr berührt, da ich darin mein früheres Verhalten mit Anorexie stark wiedergefunden habe. Danke Janina und alles gute an Anne! <3

Hallo Julia, ich freu mich, dass dir das Interview gefallen hat 🙂 Stark von Anne, dass sie so offen zu mir war, obwohl wir uns nicht kennen und es ihr zum Zeitpunkt des Interviews nicht gut ging. Liebe Grüße!

Danke für das Interview… Ich wünsche Anne alles Gute.

Sehr gern. Das wünsche ich ihr auch und ganz viel Kraft!

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