Mein*e Freund*in, die Angst: Leben mit einer Angststörung

Das Gefühl, ab und zu Angst zu haben, kennt jede*r. Wann wir Angst bekommen und welche Dinge es genau sind, vor denen wir uns fürchten, unterscheidet sich aber von Person zu Person. Zum Beispiel soll es ja Menschen geben, die sich an den äußersten Rand von Klippen oder Hochhausdächern stellen, nur um das perfekte Selfie zu schießen. Dass solch ein Maß an Unbekümmertheit auch mal nach hinten losgehen kann, ist klar. Am anderen Ende des Ängstlichkeitsspektrums  stehen die Ultra-Besorgten. Leute, die niemals nachts einen Fuß vor die Tür setzen würden oder lieber die Straßenseite wechseln, wenn ihnen eine „windige Gestalt“ (Zitat meine Oma) entgegenkommt.

Doch wie viel Angst ist gesund? Im Jahr 2014 waren 9,8 Millionen Menschen in Deutschland von Angststörungen betroffen. Sagt zumindest eine Untersuchung, die im Rahmen der DEGS-Studie des Robert Koch-Instituts durchgeführt wurde. Unter die Bezeichnung „Angststörung“ fallen im Diagnose-Manual ICD-10 übrigens Panikstörungen, Agoraphobie, Soziale Phobie, die Generalisierte Angststörung und spezifische Phobien.

So wird die Generalisierte Angststörung im ICD-10 beschrieben:

„Die Angst ist nicht auf bestimmte Umgebungsbedingungen beschränkt, oder auch nur besonders betont in solchen Situationen, sie ist vielmehr „frei flottierend“. Die wesentlichen Symptome sind variabel, Beschwerden wie ständige Nervosität, Zittern, Muskelspannung, Schwitzen, Benommenheit, Herzklopfen, Schwindelgefühle oder Oberbauchbeschwerden gehören zu diesem Bild. Häufig wird die Befürchtung geäußert, der Patient selbst oder ein Angehöriger könnten demnächst erkranken oder einen Unfall haben.“
Ich* möchte herausfinden, wie es sich anfühlt, mit einer Angststörung seinen Alltag zu bestreiten. Weil meine letzte Interviewanfrage so viel positives Feedback bekommen hat, entschließe ich* mich, wieder auf Social Media zu suchen. Das gestaltet sich dieses Mal allerdings deutlich schwieriger. Nur sehr zögerlich reagieren Menschen auf meine Anfrage.
Schließlich schreibt mir Nicole. Seit mehr als 12 Jahren lebt die 33-Jährige mit einer Generalisierten Angststörung. Mit mir spricht sie darüber, wie sehr sie ihre Krankheit im Alltag einschränkt.

iamnotjanina: Hallo Nicole! Schön, dass du dir die Zeit für ein Interview mit mir nimmst! Kannst du mir erklären, was „normale“ Angst, die viele Menschen im Alltag empfinden, von einer Angststörung unterscheidet?

Nicole: Die Angststörung unterscheidet sich sehr stark von der normalen Angst. Wenn ich eine Angstattacke habe, habe ich Herzrasen, Schwindel, Übelkeit… Ich zittere am ganzen Körper, habe Schweißausbrüche – eben das ganze Programm. Dazu kommt das Gefühl, der Ohnmacht nah zu sein. Dann nehme ich die Umwelt nicht mehr richtig wahr und alles fühlt sich an, als wäre es gedämpft und unwirklich.

Das klingt ziemlich heftig. In welchem Alter hat sich deine Angststörung zum ersten Mal bemerkbar gemacht? Gab es einen Auslöser?

Das erste Mal habe ich eine Angstattacke mit 21 Jahren gehabt. Den Auslöser kannte ich zu dem Zeitpunkt aber nicht. Ich saß bei einer Freundin und wir spielten Karten, ganz normal halt, als plötzlich wie aus heiterem Himmel mein Körper anfing innerlich zu brennen. Dazu kamen Herzrasen, Schwindel, die Beine zitterten und ich atmete sehr schnell – alles aus Angst. Das ging so lange bis ich zusammenbrach. Meine Freundin hat den Notarzt gerufen, aber es wurde nichts gefunden.

Warst du schon mal in Behandlung wegen deiner Angst? 

Ich bin seit meinem 21. Lebensjahr in Behandlung und habe schon sehr viele Therapien wegen meiner Angst hinter mit. Nichts hat geholfen. Bis ich in einer Tagesklinik untergekommen bin. Da zu sein, hat mir sehr geholfen, die Angst zu verstehen. Jetzt gelingt es mir, damit umzugehen, wenn sich diese gewisse Angst breit machen will.

Nimmst du auch Medikamente?

Im Moment nehme ich Cymbalta [Anmerkung: Medikament, das den Serotonin- und Noradrenalin-Spiegel erhöht] und Lyrika [Anmerkung: Antiepileptikum, eingesetzt auch bei der Behandlung von neuropathischen Schmerzen]. Ich bin froh, dass ich die Medikamente habe, sie helfen mir sehr.

Wissen deine Familie oder deine Freunde von der Angststörung? 

Ich versuche soweit wie möglich normal mit meiner Krankheit umzugehen. Meine Familie weiß, was ich habe. Leider verstehen sie nicht wirklich was es bedeutet, mit so einer Krankheit zu leben. Trotzdem spreche ich offen darüber was mit mir los ist, denn nur so wissen die Menschen, wie sie am besten mit mir umgehen, wenn ich einen Panikanfall habe.

Inwiefern beeinflusst die Angst deinen Alltag?

Es klingt etwas abgedroschen, aber: Die Angst ist mein ständiger Begleiter. Sie schränkt mich arg ein. Deshalb meide ich viele Menschen. Feiern war ich zum Beispiel seit Ewigkeiten nicht mehr. Einkaufen ist auch schwer. Aber vor allem, wenn ich mit meiner kleinen Tochter alleine zu Hause bin, ist es am schlimmsten.

Merkst du es vorher, wenn sich eine Panikattacke ankündigt? Was tust du, wenn es soweit kommt und du einen Panikanfall hast? 

Ob ich es merke? Nein, nicht wirklich. Sie ist einfach da – boom und auf einmal geht es los. Einfach so, ohne Grund. Ich versuche mich dann abzulenken, oder ich mache Übungen. Mir hilft es dann zum Beispiel eine Faust zu machen und die Arme anzuwinkeln, anzuspannen und dann wieder zu entspannen.

Wie geht es dir momentan und geht es dir im Vergleich zum Beginn deiner Erkrankung eher besser, schlechter oder ist dein Zustand gleichgeblieben?

Mir geht es viel besser als am Anfang. Mit den Jahren habe ich meine Methoden entwickelt, um mit der Angststörung umzugehen. Wie gut mir das gelingt, hängt allerdings von meiner Tagesform ab.

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http://notjanina.com/2017/05/21/interview-angststoerung/

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