Über Charles Manson, Helter Skelter und die Beatles: Leben mit Schizophrenie

Zum Abschluss meiner Interview-Serie zum Mental Health Month 2017 treffe ich* John [Name geändert]. Auf einer Party tanzt er neben mir und trägt dabei ein Shirt mit dem Aufdruck einer meiner Lieblingsbands. Sehr sympathisch. Wir kommen ins Gespräch. Schnell erzählt er mir, dass er erst vor einigen Tagen aus der Psychiatrie entlassen wurde. Der Grund seines Aufenthaltes: Schizophrenie.
Diese Offenheit gefällt mir. Wir freunden uns an und sehen uns ab diesem Zeitpunkt regelmäßig auf Parties.

Heute jedoch möchte ich* ihn nicht auf der Tanzfläche eines dunklen Techno-Clubs treffen, sondern ein Gespräch im Park führen. Und dabei in die Tiefe gehen. Wie fühlt sich das eigentlich an, schizophren zu sein? Ich* bin gespannt, wie er mit meinen direkten Fragen umgehen wird.

Ich* packe meine Decke und Getränke aus; wir machen es uns in der Sonne bequem. John wirkt etwas nervös. Ich* betone, dass er keine Fragen beantworten muss, die ihm unangenehm sind. Um die Stimmung etwas zu lockern, quatschen wir erst einmal über Musik und beobachten Hunde. Dann schalte ich* das Diktiergerät ein.

iamnotjanina: Hey John! Schön, dass du dich heute mit mir triffst. Lass uns über Schizophrenie reden, okay? Kannst du dich noch daran erinnern, wie alles anfing?

John: Ich glaube, ich bin schon seit meiner Kindheit schizophren. Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, hat ein Mann versucht, in unser Haus einzubrechen. Ich lag im Bett und hörte auf einmal ein ganz merkwürdiges kratzendes Geräusch und konnte nicht mehr einschlafen. Ich bin dann rüber zu meiner Mutter gegangen und sie meinte, sie hat es auch gehört. Sie hatte allerdings zu viel Angst nachzuschauen, was das für ein Geräusch war, deshalb hat sie mich vorgeschickt.

Als ich  die Vorhänge zurückzog, hab ich einen Mann gesehen, der versuchte durch das Fenster in die Wohnung einzusteigen. Ich habe mich so sehr erschrocken! Ich erinnere mich daran, dass ich über die Bedeutung dieses Fast-Einbruchs eine lange Zeit nachgedacht habe: Wieso ist dieser Mann ausgerechnet vor unserer Haustür aufgetaucht? Was wäre passiert, wenn er tatsächlich reingekommen wäre? Ich konnte diese Erfahrung als Kind überhaupt nicht verstehen, geschweige denn verarbeiten.

Wow, das klingt nach einem Erlebnis, das selbst für einen Erwachsenen schwer zu verarbeiten ist. Ich* kann mir vorstellen, wie schwierig diese Erfahrung für dich als Kind gewesen sein muss. Hast du noch irgendeine andere Idee was der Auslöser für deine Schizophrenie gewesen sein könnte?

Genetische Faktoren spielen auf jeden Fall auch eine Rolle. In meiner Familie gibt es noch eine weitere Person, die an Schizophrenie leidet. Als ich 23 war – und in meiner schlimmsten schizophrenen Phase bis jetzt – habe ich auch gemerkt, dass verschiedene Faktoren in meiner Umwelt einen großen Einfluss auf meine Krankheit haben. Es gibt bestimmte Menschen und Situationen, die definitiv dazu beitragen können, die Schizophrenie zu verschlimmern, wenn man sowieso die genetische Veranlagung dafür hat. In meiner schlimmsten Phase wohnte ich in einer WG, die ziemlich chaotisch war. Dort konnte ich meine Zimmertür nicht abschließen und ich hatte das Gefühl, das mein Mitbewohner immer an meine Sachen ging, wenn ich nicht im Haus war – Dinge verrückte und so weiter. Das Chaos und dieser Typ haben definitiv dazu beigetragen, dass es mir schlechter ging.

Meistens merke ich es aber übrigens selbst gar nicht, wenn ich mitten in einer schizophrenen Phase stecke. Erst wenn ich über die Dinge, die ich während solcher Phasen gemacht habe, nachdenke, fällt mir auf, dass ich mich merkwürdig verhalten habe.

Wo du gerade „Verhalten, das auf andere komisch wirken könnte“ ansprichst: Manche Leute haben so ein Klischeebild von schizophrenen Menschen als „gewalttätige Psychopathen“ im Kopf. Ich denke das liegt daran, wie Schizophrenie zum Beispiel in Hollywood-Filmen dargestellt wird. Nimm mal zum Beispiel Jack Nicholson in „The Shining“. Was hältst du von solchen Stereotypen?

Die sind total bescheuert! Schizophrenie äußert sich durch eine ganze Menge verschiedener Symptome. Sie ist eine differenzierte Krankheit und kann sich auch unterschiedlichste Arten und durch die kleinsten Veränderungen im Verhalten und Denken äußern. Eine schizophrene Person könnte zum Beispiel einen winzig kleinen Punkt irgendwo an eine Hausfassade malen und davon überzeugt sein, dass er oder sie durch diesen Punkt eine große Botschaft an die Außenwelt sendet. So kann selbst der kleinste Punkt für einen Menschen mit Schizophrenie die größte Bedeutung bekommen.

Aber die ganze Sache mit der „tieferen Bedeutung“ kann sich auch in gewalttätigem Verhalten äußern – ich bin definitiv nicht so, aber ich denke daher kommen die ganzen Geschichten von den „psychopathischen Schizos“. Da muss ich gleich an so verrückte Stories denken wie die Geschichte von Charles Manson, der „Helter Skelter“ von den Beatles hört, denkt, dass der Song rassistisch ist und sich daraufhin ein Hakenkreuz in die Stirn brennt. Leute wie er sind aber zum Glück die absolute Ausnahme.

Viele Leute mit Schizophrenie erleben Wahnvorstellungen oder Halluzinationen. Hast du auch schon mal halluziniert, also zum Beispiel Stimmen gehört?

Ja, hab ich. Einmal hab ich zum Beispiel einen Song von den Flaming Lips gehört – ich weiß jetzt nicht mehr genau welcher, aber es war ein Cover von den Beatles. Auf jeden Fall waren in der Aufnahme im Hintergrund Stimmen und Geräusche zu hören. Und als ich das gehört habe, hat sich das verdammt echt für mich angefühlt. Es ist schwer, das Gefühl zu beschreiben, wenn man es selbst noch nie erlebt hat. Es fühlte sich so an, als wäre der Song direkt an mich gerichtet gewesen, als würden die Stimmen im Hintergrund direkt mit mir sprechen. Das hat mich total umgehauen und ich bin echt emotional geworden. [Anmerkung: In diesem Moment fährt ein Notarztwagen mit eingeschalteter Sirene vorbei]. Wenn ich jetzt in einer akut schizophrenen Phase wäre, würde ich dieses Signal als direkte Nachricht oder als persönliches Signal an mich interpretieren.

Wie bist du auf die Idee gekommen, dir Hilfe zu holen und wer hat deine Diagnose gestellt?

Ursprünglich bin ich damals zum Doktor gegangen, um mir ein Attest für die Schule zu holen. Ich hatte nicht vor, ihm davon zu erzählen, dass ich gerade eine extrem schizophrene Phase durchmachte – ich wollte einfach nur das Attest und wieder nach Hause. Er merkte allerdings, dass etwas nicht stimmte und schickte mich weiter zu einem Psychiater. Das war furchtbar. Die Angestellten dort waren so unfreundlich und ich hatte das Gefühl, dass sie mich einfach schnell wieder loswerden wollten. Zum Glück war ich zu dem Zeitpunkt so tief in der Schizophrenie, dass mir eigentlich alles egal war.

Als dann endlich ein Arzt kam, war ich viel mehr daran interessiert mit seiner Katze, die zur Beruhigung der Patienten in der Praxis rumstreunte, zu spielen, anstatt ernsthaft auf seine Fragen zu antworten. Ich sollte eigentlich von dort direkt mit einem Krankenwagen in eine Psychiatrie eingeliefert werden, aber das war viel zu schnell für mich. Ich wollte vorher wenigstens nochmal nach Hause, ein paar frische Sachen einpacken und duschen gehen.

Das alles lief darauf hinaus, dass ich zwei Wochen in der Psychiatrie blieb. Danach ging es mir echt besser. Den Leuten dort habe ich versprochen, mich um ambulante Therapie zu kümmern, sobald ich wieder zuhause bin… Trotzdem schiebe ich das aus irgendeinem Grund vor mir her.

Es gibt Studien, die einen Zusammenhang zwischen einem Rückfall in die Schizophrenie und einem Mangel an Therapie beweisen. Auch soll eine Behandlung mit Medikamenten sehr wichtig sein, um zu verhindern, dass Betroffene wieder in schizophrene Phasen rutschen. Hast du auch schon mal Medikamente genommen?

In der Klinik haben sie mir Abilify gegeben [Anmerkung: Aripiprazol. Neuroleptikum zu Behandlung von Schizophrenie, mäßigen bis schweren manischen Phasen der Bipolaren Störung und zur Vorbeugung von manischen Episoden]. Das hab ich danach noch drei Monate lang weiter genommen, aber ich hatte das Gefühl, dass es mir überhaupt nicht hilft. Eigentlich habe ich mich durch das Medikament nur gedämpft und emotionslos gefühlt. Deshalb habe ich dann – quasi als selbst-therapeutische Maßnahme – richtig viel Gras geraucht, um wieder etwas zu spüren. Das hat auch ziemlich gut geklappt – manchmal war ich richtig euphorisch. Dann fing es an, dass ich mir selbst eingeredet habe, dass Gras ein Heilmittel für meine Krankheit sei. Mittlerweile sehe ich das etwas anders. Meine Stimmung ist mindestens genauso oft schlecht, wenn ich Gras rauche.

Welche Symptome beeinflussen deinen Alltag am meisten und wie gehst du mit ihnen um?

Es gibt positive und negative Symptome meiner Schizophrenie. Generell geht es mir schlechter, wenn ich runter komme und alleine bin. Einmal bin ich dann schon mal zur Apotheke gegangen und hab mir ein pflanzliches Mittel, das gegen Depressionen helfen soll, geholt. Normalerweise bin ich aber niemand, der sich total zurückzieht, wenn es ihm schlecht geht. Ich versuche dann mich abzulenken. Eine Gefahr dabei ist allerdings, dass ich mich dann mit Menschen umgebe, die keinen guten Einfluss auf mich haben. Ich habe eine Tendenz dazu, mich komplett in potenziell gefährlichen Situationen zu verlieren. Das kann manchmal schon Spaß machen sich so gehen zu lassen, zum Beispiel beim Feiern, wenn man sich so fühlt, als wäre man in seiner eigenen Welt und sich anfängt auszumalen: „Was wäre, wenn…“.

Aber ich sollte mich nicht zu oft in diese Situationen begeben, da sie mir aufgrund meiner Krankheit schneller entgleiten können als anderen. Zum Beispiel war ich einmal auf einer Hausparty eingeladen und konnte regelrecht fühlen, wie sich die Schizophrenie wieder aufbaute. Ich war kurz davor, eine Panik-Attacke vor allen Leuten zu bekommen und musste meine ganze Kraft aufwenden, um mich zu beruhigen. Ich sagte mir: „Beruhige dich, atme und komm runter“.

Wie offen bist du in Bezug auf deine Schizophrenie und sprichst du mit deinen Freunden oder deiner Familie darüber? Und hilft es dir eigentlich, darüber zu reden?

Normalerweise spreche ich echt selten darüber, deshalb war ich am Anfang unseres Gesprächs auch etwas aufgeregt… In der Schule gibt es eine Person, die auch eine Diagnose hat. Mit ihm kann ich reden. Und auch mit meiner Tante. Sie war diejenige, die mir gesagt hat, dass es gut ist, einen Schritt zurückzugehen und sich von seinen Gedanken zu distanzieren und tief durchzuatmen, wenn ich spüre, dass die schizophrenen Gedanken wieder kommen. Es gibt einige Momente, da ist es mir echt unangenehm mit Schizophrenie zu leben – zum Beispiel, wenn ich darüber nachdenke, was ich während meiner letzten schizophrenen Episode Lächerliches gemacht habe. Ich mag es echt nicht über diese Sachen zu sprechen. Trotzdem ist meine Schizophrenie für mich kein generelles Tabuthema.

Toll, dass du mit mir über diese Dinge sprichst! Was hilft dir denn, um mit den peinlichen Erinnerungen klar zu kommen? Es gibt ja Studien, die einen kausalen Zusammenhang zwischen einem hohen Level von Kreativität und Schizophrenie belegen. Bist du kreativ?

Ich selbst bezeichne mich als kreativen Menschen. Meine Kreativität hilft mir sehr, mit meiner Krankheit umzugehen. In der Klinik gab es auch ganz viele Möglichkeiten, um sich kreativ auszudrücken – das war toll. Im Moment versuche ich, so viel Zeit wie möglich in kreative Aktivitäten zu investieren – ich zeichne dann oder spraye. Das hilft mir total dabei, mich zu entspannen und meine Gefühle auszudrücken.

Das klingt wunderbar. Wir sind jetzt am Ende unseres Interviews angekommen. Es war sehr schön, so offen mit dir zu sprechen. Wie geht es dir jetzt?

Im Moment geht es mir gut. Schließlich ist Wochenende und die Sonne scheint.


In den letzten Wochen habe ich* viele weitere interessante Gespräche geführt. Daniel traf ich an einer Uni. Aus unserem Interview habe ich* mitgenommen, dass sich bei der Behandlung von Dissoziativer Identitätsstörung noch einiges verändern muss. Anne ließ mich an ihrem Leben mit Anorexie teilhaben und dank Nicole kann ich mir jetzt ein wenig besser vorstellen, wie sich eine Angststörung anfühlt.

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http://notjanina.com/2017/05/27/interview-schizophrenie/

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