„Bitte kein Urlaub!“ – Coping in Kopenhagen

Eine ganze Woche Urlaub. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit sieben Tage lang Zeit für … Ja, für was denn eigentlich? „Was macht man denn so, wenn man eine ganze Woche frei hat?“, frage ich* den Freund. Er schaut mich halb entgeistert, halb entnervt an. „Ach, komm schon“, witzelt er. „Ich* weiß ja, dass du ein Workoholic bist, aber auch Leuten wie dir sollte es ja wohl möglich sein, mal eine Woche zu entspannen“.

Ja, das sollte man meinen. Und eigentlich sollte ich* mich nun freuen, eine ganze Woche in Kopenhagen zu verbringen – eine Stadt, die ich* schon seit Ewigkeiten besuchen wollte. Nichtsdestotrotz macht mir der Gedanke an so viel Freizeit auf einmal Angst. Schließlich bin ich* Meister*in darin, mir meine Tage bis zum Rand mit Arbeit vollzupacken. Ich* habe eine 40-Stunden-Woche, zusätzlich studiere ich* an einer Fernuni, schreibe hin und wieder als freie Autor*in Texte und dann wäre da auch noch das Bloggen. Und die Therapie. Was passiert, wenn auf einmal keine Ablenkung, äh Arbeit, mehr da ist?

Die meisten Menschen reagieren, wenn sie von meinem regulären Arbeitspensum erfahren, erst einmal geschockt. Von: „Ähm, ist das dein Ernst?“ über: „Und wann schläfst du?“ bis hin zu „witzigen“ Sprüchen über ein herannahendes Burnout habe ich* schon fast alles gehört.

Bewältigungsstrategie Arbeit

Tatsache ist: Ja, das Pensum ist hoch. Und der Druck, der mit diesem Pensum einhergeht real. Trotzdem gewöhnt man sich nach einer gewissen Zeit ganz einfach an das ständige unter Strom stehen. Und trotz hohem Pensum und Druck kann ich* mir mein Leben zumindest momentan nicht anders vorstellen. Zum einen, weil ich* mag, was ich* tue und einen langfristigen Nutzen in meinen Aufgaben erkenne. Sonst würde ich* nicht meine Zeit und Energie in sie investieren.

Zum anderen kommt man, gräbt man etwas tiefer, schnell zu folgender Erkenntnis: Arbeit ist nichts anderes als eine sozial anerkannte Coping Strategie. Das heißt, hat mensch eine oder sogar mehrere, über Monate andauernde komplexe Traumatisierungen erlebt, und leidet unter Flashbacks, Albträumen und Dissoziationen, wird mensch vermutlich und aufgrund des Stigmas, das einen Besuch beim Therapeuten immer noch umgibt, dazu neigen, sich zunächst selbst zu therapieren. Wie mensch diese Selbst-Therapie angeht, ist von Person zu Person unterschiedlich.

Die einen trinken in Massen, die anderen essen nichts mehr oder zu viel und kotzen dann alles wieder aus. Die einen schneiden sich die Arme auf, die anderen betäuben sich mit Drogen. Die einen haben gar keinen Sex mehr, die anderen haben Sex mit jede*r, der*die nicht bei drei auf den Bäumen ist. Der eine schläft 13 Stunden am Tag, die andere arbeitet, anstatt zu schlafen. All dies sind valide Bewältigungsstrategien, die kurzfristig dabei helfen, mit den Erinnerungen an erlebte Traumata klarzukommen. Die Betonung liegt auf kurzfristig. Denn langfristig hat jede dieser Verhaltensweisen reale negative Konsequenzen für die physische und psychische Gesundheit.

Bin ich* es also gewöhnt, mich durch Arbeit von mir selbst und Erinnerungen an bestimmte Erlebnisse abzulenken und bekomme dafür auch noch Beifall von meinem sozialen Umfeld, wird es irgendwann schwer, damit aufzuhören. Und sei es auch nur für eine Woche. Ich* merke schnell: Zur Entspannung muss ich* mich zwingen. Die Aufmerksamkeit wandert vom entspannten Netflix-Schauen schnell zum unentspannten Nachdenken über die kommende Arbeitswoche. Der Versuch ein Buch zu lesen – nicht weil man muss, sondern einfach nur mag – schlägt um in totale Erschöpfung und dann in Schlaf.

Coping in Kopenhagen

Und so verbringe ich* meine ersten Urlaubstage seit Jahren: schlafend. Und es fühlt sich verdammt gut an einfach nur schlafen zu dürfen und rein gar nichts zu müssen. An nichts denken, nichts „nur mal schnell“ erledigen.

Stattdessen und als die erste „nicht still sitzen können“ gefolgt von der „nur schlafen wollen“-Phase überwunden ist: Krabben-Brötchen essen, am Strand spazieren gehen, Achterbahn fahren in Tivoli – Kopenhagens Freizeitpark direkt in der Stadtmitte – , die Freistadt Christiana und Flohmärkte und den Street Food Market besuchen und Wassertaxi fahren und kleine Schwäne sehen und Riesige-Kreuzfahrtschiffe und Lakritz-Eis probieren.  Während all dem stelle ich* plötzlich fest: Ich* könnte mich wirklich dran gewöhnen, an dieses „Genießen und Zeit mit schönen Dingen verbringen“.

Was ich* und der Freund in Kopenhagen unternommen haben, nachdem tatsächlich sowas wie Entspannung eingesetzt hat, siehst du hier.

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http://notjanina.com/2017/06/11/coping-in-kopenhagen/

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