Mit dem Rollstuhl in die Bahn: Die Kommode muss raus


Es ist Zeit für einen neuen Gastbeitrag vom Fledertier! Du möchtest selbst einen Text auf notjanina.com veröffentlichen und hast Lust einen Text zum Thema Sexismus/Rassismus/Lookism/Classism/Ableism zu schreiben? Dann melde dich über das Kontaktformular am Ende dieses Beitrags!



Wolltest du schon immer wissen, wie es ist, eine Kommode zu sein?

Nö? Ich auch nicht. Mittlerweile kann ich es mir unglücklicherweise aber nur allzu gut vorstellen.

Empathie gegenüber Möbelstücken zählt eigentlich nicht zu meinen Stärken. Inzwischen trainiere ich sie aber regelmäßig. Als ich das letzte Mal auf zwei Beinen anstelle von vier Rädern bei einem Umzug dabei war, habe ich zusammen mit einem Freund eine Kommode aus dem zweiten Stock in den Umzugslaster befördert. Schnell wurde mir klar: Unser Versuch, eine sperrige, schwere Kommode aus Echtholz durch das enge Treppenhaus zu bugsieren, war eine Scheiß-Idee. Wie sehr wünschte ich mir, ich hätte nicht in einem Anfall von Größenwahn beschlossen, meine damals noch unvorhandenen Brustmuskeln zu trainieren. Hätte ich doch lieber die Zimmerpflanze getragen.

Doch heute bin ich von Zeit zu Zeit selbst eine Kommode. Mit Vorliebe in Zügen und auf Bahnsteigen. Genauer gesagt sind meine bessere Hälfte und ich gemeinsam eine Kommode. Meine „bessere Hälfte“ ist übrigens mein Rollstuhl.

Wenn „der Rollstuhl“ raus, also den Bahnwaggon verlassen muss, fühle ich mich wie ein Trophy Wife aus den 60ern: „Herr Rollstuhl (nebst Gattin) kommt heute zum Kaffee“.

Gutes Rollstuhl Bullshit-Bingo von Laura Gehlhaar.
The Perks of Rollstuhlfahren: Laura Gehlhaar weiß Bescheid.

„Wo will der Rollstuhl denn hin?“

Gute Frage. Die stelle ich mir manchmal auch. Mein Gatte, Herr Rollstuhl, antwortet nicht auf die Frage, wohin es denn für uns beide gehen soll, sondern schweigt beharrlich. Ein wenig schwierig, der Gute. Ich würde gerne sagen: „Das hat er nun davon!“, wenn er einmal mehr mit dem Kampfschrei: „Der Rollstuhl muss raus!“, gepackt und auf die Bahnsteigkante gehievt wird. Selbstverständlich während zu meinen Füßen eine wunderschöne „fahrzeuggebundene Einstiegshilfe“ – im Volksmund auch „Rampe“ genannt – schlummert.

Während der Rollstuhl also gepackt, herumgeschoben und gekippt wird, wenn ihm das Knie einer Zugbegleitung in die Rückenbespannung gerammt und unter Ächzen das Gewicht kommentiert wird … Du kannst dir bestimmt denken, wie dieser Satz weitergeht: Werde ich gepackt, herumgeschoben, gekippt, habe ein Knie im Rücken und denke darüber nach, ob eine Rückkehr in die Anorexie die DB Regio glücklich machen würde.

In solchen Momenten werden ich und der Rollstuhl-Gatte zur Kommode. Das Schöne: Kommoden beschweren sich nicht. Mein Rollstuhl beschwert sich auch nicht. Und wenn die Schubladen oder der Mensch quietschen, beeile man sich eben. Denn: verdammte Scheiße, das Ding muss halt im Ganzen runter.

Fürs Beschweren ist es nach diesen rüden „aus dem Zug beförder“-Aktionen dann auch meistens schon zu spät. Im einen Moment noch im Zug, sitze ich im nächsten auf dem Bahnsteig und starre wütend vor mich hin. Glück für die Schaffner*innen, dass ich in solchen Momenten meistens erstmal damit beschäftigt bin, meine Muskeln wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Wenn ich so darüber nachdenke, beschwere ich mich eigentlich viel zu selten. Nochmal Glück für die Schaffner*innen: Ich bin kein besonders mutiger Mensch. Ich weise höchstens darauf hin, dass ich es anders möchte, und hoffe darauf, dass gute Manieren den Rest richten werden. Zum Zetern bin ich einfach zu feige: Ich bin auf die Zugbegleitung angewiesen.

Nein, ihr kennt euch nicht aus.

Bei einigen der Zugbegleitungen habe ich mir tatsächlich die Zeit genommen, zu erklären. Warum es ein widerliches Gefühl ist, wie eine Kommode gehievt zu werden. Manche haben es sogar verstanden. Andere haben abgewinkt und mir versichert, sie würden sich auskennen.

Nein, tut ihr nicht. Ihr kennt euch vielleicht mit Rollstühlen aus, aber nicht mit mir. Und ich sitze in diesem Rollstuhl.

Coole Zugbegleitungen fragen, ob sie mich ohne Rampe auf den Bahnsteig befördern dürfen. Sie geben mir die Chance, abzulehnen und die Rampe zu nehmen. Es sind die gleichen, die Mitreisende darauf hinweisen, dass mein Rollstuhl und ich zwar miteinander verbandelt, aber keine symbiotische Einheit sind. Damit unterbinden sie übrigens auch übergriffige Hilfeleistungen von anderen Mitreisenden, die plötzlich das Konzept der Nächstenliebe für sich entdecken. Ehe ich jemanden beim Versuch verletze, mich aus seinem*ihrem Griff zu winden. Die, die mich für die Gattin des Rollstuhls halten, bringen übereifrige Mitreisende übrigens auch zum Schweigen. Jedoch nicht, weil sie es auch scheiße finden, wenn Menschen gegen ihren Willen betatscht werden. Sondern, weil sie sich in ihrem Fachbereich des Möbelpackens auf das Halstuch getreten fühlen.

Der Rollstuhl ist ein Hilfsmittel. Vielleicht eins, das ich zur besseren Akzeptanz als eine Art mechanisches Körperteil zu betrachten neige. Eine Adaption, die ich nicht liebe, aber brauche. Die Kommode schweigt übrigens zu all dem. Allenfalls knirschen die Schubladen wütend. Aber das kann man, da bin ich sicher, mit ein wenig Klebeband auch noch regeln. Bevor die Socken raus fallen.


[contact-form-7 404 "Not Found"]

Facebook
Twitter
Google+
http://notjanina.com/2017/06/17/mit-rollstuhl-in-der-bahn/

Kommentier mich!

Was denkst du?