LOVE IS LOST – Mein erstes Mal oder: Bin ich weird?

Wieder ist es Zeit für eine neue Serie auf iamnotjanina. Nach meiner Interview-Serie zum Mental Health Month 2017 starte ich* meine neue Text-Reihe LOVE IS LOST.

LOVE IS LOST gibt dir einen ungeschönten und ehrlichen Einblick in die Gefühlswelt verschiedener Menschen, die ihre Erfahrungen durch Schreiben verarbeiten möchten. Diese Erfahrungen drehen sich um die Themen Liebe, Sex, Trauma, Verlust und „anders sein“.

Heute schreibt M., der seinen Namen nicht preisgeben möchte. M. ist 19, hat eine Dissoziative Störung, ist schwul und trans*. Berichten möchte er über seine erste große Liebe und von seinem ersten Mal mit einem Mann. Im Vorfeld erklärt er mir, dass er Schwierigkeiten hat, diesen Text zu schreiben, da ihm das Thema immer noch sehr nah geht. Ich* stehe zur Seite, tröste und helfe beim Formulieren.


Content Note: NSFW/Explizit

In diesem Text geht es um Sex und Begehren. Wenn du für explizite Beschreibungen von sexuellen Handlungen sensibilisiert bist, lies diesen Artikel nur, wenn du dich damit wohl fühlst. Du kannst den Artikel auch speichern und ihn an einem anderen Tag lesen. Oder du bist bei einem anderen Thema wieder mit dabei. Alles kann, nichts muss!


„Schön, dich endlich mal im ‚echten Leben‘ zu sehen“, sagt er.

Ich glaube, es ist ein Samstag. Die Sonne scheint.  Ich mag, wie er spricht – mit einer gewissen Bestimmtheit, ohne arrogant oder abgehoben zu wirken. Selbstbewusst und voll innerer Ruhe. Es sind viel weniger die Dinge über die er redet, die mich faszinieren, sondern wie er sie sagt. Und wie seine Augen dabei lächeln.

Es ist sein Lächeln, das mir schon aus der Ferne  auffällt. Bis heute fällt es mir schwer, die Art, wie er lächelt, zu beschreiben. Und bis jetzt fällt mir kein besseres Wort dafür ein, als „aufregend“.

Objektiv betrachtet ist dieser Mensch sicherlich einer, den viele als „schön“ bezeichnen würden. Einer, dem auf der Straße viele Leute hinterherschauen. Doch das ist nicht wichtig. Viel mehr interessiert mich diese gewisse natürliche Fröhlichkeit, die er ausstrahlt. Eine Gelassenheit, die beneidenswert ist. Und vielleicht ist es eben diese innere Ruhe, die ich mir „einverleiben“ möchte.

Ich bin fasziniert von diesem Menschen. Unterbewusst rücke ich immer näher an ihn heran, während er spricht. Male mir aus, wie er seine Hand auf meine Hand legt und dabei einfach weiter redet. Ich schlucke. Mein Mund ist trocken und meine Hände feucht. Unauffällig wische ich die klatschnassen Handinnenflächen an den Oberschenkeln ab. Spürt er eigentlich, was für eine Wirkung er auf die Menschen in seiner Umwelt hat? Ich wette, Leute liegen ihm ständig zu Füßen, wenn er spricht.

Ich weiß: Ich muss diese Lippen küssen. Ich will ihn an mich ziehen und meinen Mund auf seinen pressen. Ich will seine Zunge spüren. In meinem Mund, an meinem Hals. Seine Hände auf meinem Körper. Ich will, dass er mich gegen die Wand presst und ich will, dass er nicht aufhört bis es weh tut und dann will ich es wieder.

„… was denkst du?“, fragt er. Verdammt. Ich bin viel zu sehr mit meinen Tagträumen beschäftigt, um zuzuhören.

Ich murmele etwas von „der Sonne, die meine Gedanken langsamer macht“ und entschuldige mich für meine Unachtsamkeit. Er lacht und ich bin mir sicher, dass er direkt durch mich hindurch sieht. „Ich weiß, was du willst“, scheinen seine Augen zu sagen. Ich beschließe, mich zusammenzureißen.

„Contenance, Junge“, sage ich mir. „Es ist ja nicht so, dass du zum ersten Mal mit einem Mann ein Date hast. Es ist ja nicht so, dass du zum ersten Mal einen Mann interessant findest.“

Leider ist beides eine infame Lüge, aber für den Moment beruhigt mich der Gedanke. Außerdem bin ich mir sicher, dass dieser Mann kein Interesse an Sex mit Leuten wie mir hat. Ich bin ein Mann im Körper einer Frau. Ich stecke bis zum Rand voller Komplexe, ich bin unsicher ohne Ende und dazu noch feige. Niemals würde ich den ersten Schritt wagen. Ich bin eine 19-jährige Jungfrau. Ich bin ein Loser. Und mir gegenüber sitzt dieser perfekte, selbstsichere Typ. Ich rutsche ein paar Zentimeter weg. Schutzschilde hoch. Vorsicht ist angesagt.

„Naja, und dann bin ich vor ihm in die Knie gegangen und hab ihn gelutscht. Ich mein, was ist schon dabei? Man muss alles mal ausprobieren, oder?“

„Mh. Was?“, frage ich erstaunt und wache endgültig aus meinem Tagtraum auf.

„Oh, hätte ich das jetzt nicht erwähnen sollen?“, plötzlich wirkt mein Gegenüber ganz unsicher. In seinen gerade noch so strahlenden Augen zeigt sich ein Hauch von Verletzlichkeit. „Ich dachte, ich spreche einfach ganz offen mit dir darüber.“

Ich bin für einen Moment sprachlos. Nicht aufgrund der Tatsache, dass er so offen mit einer fast fremden Person über seine Sexualität redet. Sondern, dass er die Dinge tut, die ich mir seit Jahren ausmale und die nur in meinen Tagträumen passieren. Ich will so mutig sein wie er.

Nach einem weiteren Moment des Schweigens habe ich meine Gedanken gesammelt. „Ich … finde das toll, dass du so offen bist. Ich finde gut, dass du machst, was du fühlst.“

Er sagt nichts. Dann: „Ja, ich denke, man muss diese Dinge einfach mal getan haben, damit man sicher sein kann, was man will“. Und schaut mich an. Und schweigt. Ich schlucke.

Als wir uns verabschieden, zittern meine Knie. Ich weiß: Ich muss ihn wieder sehen. Da wäre nur das Problem, dass ich in einem Körper lebe, der nicht meiner ist. Versteh mich nicht falsch: Ich habe gelernt, diesen Körper weitgehend zu akzeptieren und es gibt Tage in meinem safe space, an denen ich einfach ich sein kann. Oder Tage an denen ich im Hintergrund die Fäden ziehe und den Körper lenke. Oder mich in dunklen Clubs gehen lasse, wo mich niemand kennt. Aber doch nicht in der Öffentlichkeit! Was wird er sagen, wenn er erkennt, wer ich wirklich bin?

Zum ersten Mal bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich das Risiko eingehen muss, zu mir selbst zu stehen. Weil ich es tun muss. Weil kein Weg daran vorbeigeht. Weil ich ihn haben muss. Seinen Körper auf meinem spüren muss. So bald wie möglich muss ich ihn wiedersehen. Und ich weiß: Vor ihm werde ich es schaffen, ehrlich zu sein. Meinen Namen zu sagen, mich vorzustellen. Und er wird mich anschauen, durch die Angst hindurchblicken. Mich halten und mir sagen, dass es okay ist. Dass ich okay bin. Dass ich real bin. Ein echter Mensch mit echten Gefühlen. Keine Einbildung.

Und dann endlich, nach einigen Monaten: Seine Hände auf meinem Körper. Nur er und ich sind hier.

Ich bin schüchtern, traue mich kaum ihn anzuschauen. Ich zittere am ganzen Körper. Und doch will ich es so sehr.

„Mein Name ist M.“, flüstere ich.

„Was?“

„Ich bin 19 und ich bin auch hier in diesem Körper.“

„Okay. Setz dich, M.“

Ich bin verwundert, dass er nicht schreiend wegläuft. Schaue auf den Boden. Er nimmt neben mir Platz. Ganz nah.

„Woher kommst du denn?“, fragt er sanft.

Eine einfache Frage, die gar nicht so leicht zu  beantworten ist für mich. Ich versuche es trotzdem. Und am Ende: „Darf ich dich küssen?“

„Willst du das wirklich?“, fragt er mich.

„Nichts mehr als das.“

Vorsichtig presse ich meine Lippen auf seine. Es ist ungewohnt und schön. Seine Lippen sind weich und öffnen sich leicht. Ich schiebe meine Zunge in seinen Mund, eine Hand fest an seinem Hinterkopf. Mit der anderen taste ich mich von seinem Knie aufwärts. Sein Schwanz ist hart. Es macht mich geil, wie er sich anfühlt. Ungeschickt streiche ich über seine Hose. Zerre am Reißverschluss.

Kurz weicht er zurück. „Bist du sicher?“

„So sehr wie noch nie. Willst du es auch?“

„Komm her“, flüstert er. „Küss mich.“

Langsam fallen wir zurück auf die Kissen, während der Kontakt unserer Lippen nicht abbricht. Unendlich sanft sind seine Berührungen, seine Küsse ein Hauch auf meiner Haut. So anders als ich es mir vorgestellt habe und so wunderschön. Wahrscheinlich ist es ein doofer Vergleich, aber es fühlt sich an, als würden mich Schmetterlinge mit ihren Flügeln streicheln.

„Ich liebe dich“, flüstere ich.

Die Zeit vergeht zu schnell. Draußen ist es dunkel geworden. Ich liege in seinem Arm. Traue mich nicht zu sprechen, geschweige denn ihn anzuschauen. Nach einer gefühlten Ewigkeit stelle ich die Frage: „Wie war es für dich?“

„Weird.“

Alles in mir zieht sich zusammen. Ich schaue ihn an. Er wirkt distanziert. „Ja. Es war … merkwürdig. Das bist nicht du“, sagt er.

„Ich bin ich. Ich wollte …“.

„Wir sollten das nicht mehr tun.“

„Aber …“

„Ich mag es nicht.“

„Es tut mir so leid.“

„Nein, entschuldige dich nicht. Es ist okay.“

Ich gehe ins Bad, setze mich auf den Boden und versuche, mich nicht zu hassen. Ich weine lautlos.

Kurz darauf ist er weg. Das Gefühl kommt nicht zurück. Er kommt nicht zurück.

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