Damit du es nicht tun musst: Ich teste Community Akupunktur

Hier sitzen wir nun. In einem Raum, in dem höchstwahrscheinlich kein einziges Möbelstück nicht von Ikea stammt. Ich* muss zugeben: Irgenwie bin ich froh darüber. Liebe eine sterile Ikea-Akupunktur-Praxis als eine, an der man sich an energetisch aufgeladenen, von der Decke baumelnden Pendeln und Traumfängern den Kopf stößt. Oder eine, in der man vor lauter Räucherstäbchen-Smog die Hand vor Augen nicht mehr sieht.

Nichtsdestotrotz ist es mir unangenehm hier mit Greg zu sitzen. Nicht weil er mir unsympathisch wäre. Ganz im Gegenteil: Greg ist groß, hager, hat schulterlanges, lockiges Haar und ist aufmerksam. Vielleicht etwas zu aufmerksam. Denn hier sitzen wir nun und schauen uns an. Quälend lange passiert nichts. Ich* bin kurz davor nachzufragen, ob dieses „einander aufmerksam Anschauen“ zum Konzept gehört, als Greg endlich das Schweigen bricht.

„Weißt du, Janina … Du bist ein Zugvogel. Du fliegst und fliegst und fliegst und du suchst nach Wasser. Nach einem See, an dem du rasten kannst …“.

Soso.

„Ja, ja, ein Zugvogel. Ein durstiger Zugvogel“, fährt Greg fort.

Ich* bemerke, dass ich* wirklich Durst habe. Aber wie ein Zugvogel habe ich* mich tatsächlich noch nie gefühlt.

„Aber Janina, weißt du … Dort ist kein Wasser unter dir. Der See, den du suchst, existiert nicht.“

Nun erwartet er offensichtlich eine Reaktion, denn Greg schaut mich erwartungsvoll an.

„Mhm“, bringe ich* schließlich nach einer Pause hervor und suche nach den passenden Worten. „Das klingt nicht gut … Oder? Also, da sollte doch schon ein See sein, an dem man sich mal ausruhen kann … Oder?“

„Ganz genau, Janina! Das hast du richtig erkannt. Aber Janina …“ – hier folgt eine theatralische Pause – „diesen See an dem du, du Zugvogel, rasten kannst, musst du dir selbst schaffen. Denn rate mal, wo der See ist?!“

„In mir selbst, befürchte ich?“, sage ich* und rolle innerlich so hart mit den Augen, dass es wehtut.

„EXAKT! Absolut richtig.“, spricht er und schweigt erneut. Lange.

Ich* werde in ein Nebenzimmer geleitet. Hier stehen drei Liegen bereit. Auf zweien liegen bereits akupunktierte Menschen – einer davon schnarcht leise vor sich hin. Die mittlere Liege ist dann wohl meine.

Akupunktur für alle, zu einem einigermaßen erschwinglichen Preis – dafür nicht exklusiv. Das ist das Konzept von Community Akupunktur. Denn während man beim Vorgespräch Gregs ungeteilte Aufmerksamkeit genießt, teilt man sich den Akupunktur-Raum mit anderen.

Ich* werde noch einmal genau inspiziert, bevor Greg die ersten Nadeln setzt. Es ist nicht gerade angenehm, tut aber auch nicht unfassbar weh. Bis er zu meinem Knie kommt.

„Holy Sh …“, entfährt es mir. Ein warmes Kribbeln durchströmt meinen Unterschenkel bis in die Fußsohle. Greg grinst.

„Ich lass‘ dich jetzt erstmal ein wenig allein und du schaust erst mal, wie es dir mit den Nadeln geht. Entspann dich!“

Da liege ich* nun. In einem etwas zu aufgeheizten Raum mit anderen Genadelten. Ich* versuche mich zu entspannen und nicht auf das Schnarchen neben mir zu achten. Doch meine Gedanken kreisen schon um den nächsten Termin und die Arbeit und die Liste von Dingen, die heute noch abgearbeitet werden müssen. Ich* bin genervt. Trotzdem ertappe ich* mich dabei, wie ich* über Gregs Worte nachdenke. Schließlich ist er nicht der erste Mensch, der mir nahelegt, netter zu mir selbst zu sein.

Und auf einmal: Bilder von Seen und Vögeln, die über ihnen kreisen. Entspannung.

Auch nach der Behandlung wirkt das Gefühl noch lange nach. Und auch die Migräne ist viel besser. Vielleicht sollte ich* doch etwas mehr esoterische Greg-ness in mein Leben lassen.

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http://notjanina.com/2017/07/19/selbstversuch-community-akupunktur/

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