Mein geheimes Parallel-Leben

Alles Wichtige ist an einem Ort, jedes Teil hat seinen festen Platz und mit ein paar Handgriffen verwandelt sich das Arbeitszimmer ins Esszimmer oder das Wohnzimmer ins Schlafzimmer. Das Leben in extrem kleinen Häusern finde ich* spannend. Besonders faszinieren mich umgebaute Bauwagen. Vielleicht kennst du den von Peter lustig? Fand ich* als Kind schon toll. Besonders die Dachterrasse inklusive Stuhltreppe hatte es mir angetan. Seit einigen Jahren gibt es einen richtigen Bauwagen-Trend.

Bauwagen
Von Matthias Voss. Der ursprünglich hochladende Benutzer war Babelsberg in der Wikipedia auf Deutsch – Babelsberg, CC BY-SA 3.0

Ein schneller Blick in die Kleinanzeigen verrät mir: Die kleinen Wagen sind ab 800 € – in der überholungsbedürftigen Variante – und für bis zu 35.000 € zu haben. Dann natürlich entkernt und modernisiert mit Isolierglas, Wärmedämmung, Echtholz-Parkett, Solaranlage auf dem Dach, Öko-Klo und so weiter und so fort.

Es gibt viele gute Gründe, aus denen man sich gegen ein Leben im kommerziellen Häusern oder Wohnungen entscheidet. Denn in einem Bauwagen spart mensch nicht nur Wasser- und Heizkosten. Er macht auch weniger Arbeit und ist dazu noch mobil. Wer jetzt denkt, dass umgebaute Bauwagen piefig sind, schaue sich mal bitte diese Fotos an.

Versteh mich nicht falsch: Ich* mag meinen Job, weil ich* dort die Sachen machen kann, die ich* am liebsten mache: schreiben und mich kreativ austoben. Und ich* mag meine Wohnung und sogar München ist weniger schrecklich als anfangs gedacht. Trotzdem macht es manchmal Spaß, sich ein Parallel-Leben auszumalen. Und sich in Gedanken an ein einfaches, ruhiges Leben zu verlieren. Daran, wie es wohl wäre, einen kleinen umgebauten Bauwagen zu kaufen, den man an ein Auto hängen kann, und einfach loszufahren. Ans Meer und dort eine Weile nichts und niemanden um mich zu haben. Nichts außer salziger Luft und Wind.

Nachdem ich* mich vom Meerwind so richtig durchpusten lassen habe, würde ich* nach einiger Zeit zurückkommen. Und einen Job in einer kleinen Bücherei annehmen – am liebsten in einer, in der noch mit einem alten Karteikarten-System und ganz ohne PCs gearbeitet wird. Dort dokumentiere ich* auf den fleckigen Karten, wer wann welches Buch ausgeliehen hat und schreibe den Leuten auf kleinen Kärtchen auf, wann sie ihr Buch zurückgeben müssen. Ich sortiere auch die Bücher und entferne Staub auf den Regalen.

Mit der Zeit kenne ich* die meisten der Leute, die in die Bücherei kommen (es sind immer die gleichen Menschen, aber das macht mir nichts aus – im Gegenteil!) und drücke ein Auge zu, wenn einer von ihnen ein Rückgabedatum überzieht. In der Mittagspause lese ich* und esse einen Apfel, den ich* vom Baum neben meinem Wagen gepflückt habe.

Morgens esse ich* in meinem kleinen Bauwagen mein Müsli aus einer Keramikschale (ich* habe zwei Schalen, falls jemand zu Besuch kommt). Da ich* meinen Wagen in einem kleinen Waldstück in der nähe eines Flusses abgestellt habe, höre ich* während ich frühstücke nur das Rauschen des Wassers und der Bäume und Vogelgezwitscher. Sonst ist es still. Manchmal prasselt auch der Regen auf das Dach des Wagens. Nach dem Frühstück kämme ich* meine Haare, putze die Zähne und wasche mein Gesicht.

Mein Make-Up habe ich* weggeworfen – ich* brauche es nicht mehr. Ich* habe exakt so viel Kleidung in meinem Schrank, wie ich* benötige – nicht mehr und nicht weniger. Ich* habe zwei paar Schuhe – ein Paar für den täglichen Gebrauch, aus dunkelbraunem Wildleder. Das Paar aus schwarzem Lackleder trage ich* nur zu Weihnachten oder wenn ich* eine besondere Verabredung habe.

Egal, wie das Wetter ist: Nach dem Frühstück setze ich* mich auf mein Fahrrad und fahre die fünf Kilometer bis zur Bücherei. Dort arbeite ich* bis zum späten Nachmittag – außer am Sonntag und am Montag, denn da habe ich* frei. Zweimal die Woche kaufe ich* frisches Obst und Gemüse auf dem Markt für mein Abendessen. Während ich* den Abwasch mache, höre ich* Schallplatten auf dem alten Plattenspieler. Einen Computer oder ein Handy habe ich* nicht. Manchmal bekomme ich* einen Brief von einem Freund oder einem Familienmitglied. Dann nehme ich* mir Zeit, hole meinen Füller heraus und verfasse meine Antwort sorgfältig auf schönem Briefpapier. Nachts betrachte ich* durch das Oberlicht den Himmel und schlafe unter dem Licht der Sterne ein.

Und wie sieht dein ruhiges, einfaches Parallel-Leben aus? 

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http://notjanina.com/2017/08/31/bauwagen-parallel-leben/

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Dein Artikel ist toll! Ich lebe im Geist mehrere Parallelleben, weil ich mich nicht für einen Traum entscheiden möchte. Ein VW Bulli fürs Reisen (immer an der Küste lang, ich lebe dann von Kunst und Haare flechten und so, und natürlich kann ich total gut surfen, ist eh klar), eine Blockhütte im Norden (für die Einsiedlerzeiten mit Elchbesuch und Bücher schreiben und prasselndem Kaminfeuer), und ein Piratenschiff (mit einer noch anzuheuernden Crew, für wilde Kaperfahrten und tropische Inselgelage)!

Vielen Dank Das VW-Bus-Surfer*in-Parallelleben klingt ziemlich großartig!

Klingt wunderbar! Ich würde einen kleinen Blumenladen betreiben, aber sonst ist sähe mein Realitätsflucht-Parallelleben ähnlich aus.

Oh, das ist auch eine schöne Idee! Wenn man in dem Job nur nicht so früh aufstehen müsste