Debate Club 2017: Von Popfeminismus und verpassten Chancen

Popfeminismus – was soll das denn eigentlich sein? Und passen politisch-aktivistische Bewegungen wie der Feminismus und Popkultur zusammen? Bevor ich meine Meinung zu dieser Frage kundtue, erzähle ich dir erstmal, was die Teilnehmer*innen des Debate Club 2017 dazu zu sagen hatten.

Seit 2008 oranisieren die Trainees bei Turner Deutschland den Debate Club. Zum Turner Broadcasting System gehören unter anderem CNN, TNT oder auch Cartoon Network auf YouTube. Der Debate Club soll auf „aktuelle, gesellschaftlich relevante und kontroverse Themen aufmerksam machen“ (Zitat vom Veranstaltungsflyer). Ein weiteres Ziel der Veranstaltung: die Debattierkultur in Deutschland fördern.

Debattierkultur, was soll das sein?

Du kennst bestimmt Debattier-Clubs aus amerikanischen High-School-Filmen, oder? In Filmen machen in diesen Clubs meistens Nerds mit. Zwei Teams, das Pro- und das Kontra-Team, treten gegeneinander an und versuchen das Publikum argumentativ von ihrem Standpunkt zu überzeugen – ein Hoch auf die Macht des Wortes! Am Ende entscheidet das Publikum per Abstimmung über das Sieger*innen-Team.

Während in den amerikanischen Filmen oft stereotype Streber*innen-Charaktere beim Debattieren mitmachen, sitzen beim Debate Club von Turner ziemlich coole Leute auf dem Podium. Dieses Mal waren mit dabei:

für das Kontra-Team: Alisha Gamish (Autor*in, Mitbegründer*in von wepsert.de), Christian Rausch (Student*in, Präsident*in des Debattierclub München e.V.), Penelope Kemekenidou (Dozent*in an der LMU, Leiterin #StopBildSexism, Mitglied Gender Equality Media e.V.)

für das Pro-Team: Tarik Tesfu (YouTuber*in, Host von Jäger & Sammler [ZDF]), Prof. Dr. Martina Schügraf (Medienwissenschaftler*in), Vincent-Immanuel Herr (Feminist*in, Aktivist*in, Autor*in)

Was ist eigentlich Popfeminismus?

Je nachdem, wie viel du dich mit feministischen Themen auseinandersetzt, bist du entweder schon einmal über den Begriff des Popfeminismus – oder wie Tarik Tesfu es nennt „Femstreams“ –  gestolpert oder auch nicht. Damit wir alle auf einem Stand sind, kommt hier eine mögliche Definition von Prof. Dr. Schügraf, die ich sehr treffend finde.

 Popfeminismus ist eine Facette des Feminismus, die klassische Themen der Bewegung in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt. Er kann als eine Strategie oder Methode zur Dekonstruktion verstanden werden. So lenkt er zum Beispiel die Aufmerksamkeit auf Geschlechterproblematiken mit Mitteln der Übertreibung, Erhöhung oder der Persiflage. Anstatt also in einer „Blase“ zu existieren, greift er Themen aus dem Mainstream oder der Popkultur auf und macht im Kehrschluss feministische Themen einem breiten Publikum zugänglich.

Doch bringt Popkultur dem Feminismus eigentlich irgendwas? Brauchen Feminist*innen Popkultur? Da ich selbst eine andere Position vertrete – wie du dir vielleicht denken kannst, wenn du mir auf Social Media folgst und meinen Blog regelmäßig liest – präsentiere ich dir jetzt erst einmal die Argumente des Kontra-Popfeminismus-Teams.*

So argumentierten die Mitglieder des No-Teams unter anderem, dass „Feminismus mehr sei als ein Musikvideo“. Anstatt wirklich etwas zu verändern, spiele der Popfeminismus dem kapitalistischen System in die Hände und trage so im Endeffekt anstatt zur Gleichheit von Frauen* zu ihrer Ausbeutung bei. Der Popfeminismus begreife Frauen* lediglich als „Zielgruppe“ und arte in „unreflektierte, marktaffine Selbstoptimierungspropaganda“ aus. Anstatt ein Gefühl von Soldarität unter Frauen* zu schaffen, bewirke er das Gegenteil. Denn er sei kein „echter“ Aktivismus, sondern „inhaltsleer“, ein „weißer, akademischer Mittelstandsfeminismus“ und treibe Menschen aktiv vom Feminismus weg.

Liebes „No-Team“ …

 Im Gegensatz zu euch begreife ich Popfeminismus sehr wohl als aktivistisch-politische Bewegung – auch, oder gerade weil er Themen aus der Popkultur aufgreift. Er tritt aktiv mit Menschen außerhalb der „feministischen Blase“ in Kontakt. So sensibilisiert er Stück für Stück die breite Masse für feministische Themen. Damit bewirkt er im Laufe der Zeit eine tatsächliche Veränderung im Leben von Menschen. Er stößt Debatten an, hilft besonders jungen Menschen dabei, sich mit dem Feminismus zu identifizieren oder einen Zugang, ein Verständnis für feministische Themen zu entwickeln.

Die Stimmung zwischen akademischen und Popfeminist*innen ist angespannt – das habe ich schon selbst erlebt. Als ich eine Zeit lang in radikal-feministischen Kreisen an der Uni unterwegs war, hatte ich dort kein gutes Standing: „Da kommt wieder der*die mit ihrem Make-Up und Nagellack und Minirock – der*die kann doch kein*e Feminist*in sein!“ Ich habe solche und ähnliche Lästereien ignoriert bis ich eines Tages direkt von einer Person aus dieser Gruppe angesprochen wurde: Was ich denn bei ihnen wolle? Ich sei eine Tussi, aber keine Feminist*in.

Muss das denn sein?

Nachdem ich meinen ersten Schock überwunden hatte, musste ich lachen. Liebe akademische Feminist*innen. Mal abgesehen davon, dass ich es scheiße finde, auf mein Aussehen reduziert zu werden, frage ich mich: Muss dieser Hate denn sein? Ich sage: Nö. Muss nicht sein. Denn wir brauchen einander. Ein unakademischer Feminismus, der keine wichtigen Konzepte wie Intersektionalität aufgreift, ist tatsächlich inhaltsleer. Ein Feminismus, der nur innerhalb feministischer Kreise stattfindet und keinen Bezug zum Mainstream hat, aber auch. Damit er wirklich etwas verändern kann, sollte Feminismus meiner Meinung nach also akademisch und popkulturell gleichzeitig sein (und sowieso immer intersektional).

Denn ist das nicht toll: Ich kann sowohl ein*e echte Aktivist*in, der*die Butler und Foucault liest, der*die politisch ist und intersektional denkt, sein. Und gleichzeitig kann ich mein Gesicht mit Make-Up zuklatschen und laut Britney Spears hören, während ich einen Text für ein feministisches Zine schreibe und danach zu einem Sookee-Konzert gehe. Ich muss mich nicht für die eine oder die andere Seite entscheiden. Ich kann alles haben – und du auch. Denn im Endeffekt wollen wir das gleiche. #feminism? #warumnicht!

PS: Im Nachgang zu der Veranstaltung habe ich übrigens herausgefunden, dass Turner mich als Debattant*in für den Abend angefragt hatte – ich hätte also meine schlauen Sprüche auf dem Podium loslassen können – wenn meine Einladung nicht im Spam gelandet wäre. Das ärgert mich meeega. Und zwar so sehr, dass ich mich auch an dieser Stelle darüber auskotzen wollte – ich hoffe das geht klar für dich. Das also zum Thema „verpasste Chancen“.

Wie stehst du zum Thema Popfeminismus? Ist er für dich mit akademischem Feminismus vereinbar?


*[Disclaimer: am Anfang der Debatte wurde betont, dass die präsentierten Argumente nicht unbedingt den Meinungen der Menschen auf dem Podium darstellen. Spreche ich also „das No-Team“ an, meine ich damit nicht die einzelnen Menschen, die diese Argumente im Debate Club vorgebracht haben, sondern beziehe mich generell auf die Argumente der Popfeminismus-Gegner*innen.]

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http://notjanina.com/2017/10/28/debate-club-2017-popfeminismus/

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