Update: was ist los und wie geht es weiter?

Schon fast zwei Monate ist mein letzter Blogbeitrag her. Zeit für ein kurzes Update zu den Themen „wie es weitergehen soll“, „was ich bis jetzt geschafft habe“ und „was gerade so los ist“.

Was ist gerade los?

Vielleicht hat sich der*die eine oder andere von euch gewundert, warum ich so gar kein Lebenszeichen von mir gebe. Das lag einfach daran, dass ich zwischen Arbeit und Masterarbeit keine Zeit für irgendetwas anderes habe. Arbeiten, essen, schlafen – so sieht ein ganz normaler Tag für mich aus. Freizeit? Wochenende? Ist nicht. „Na, und?“, denken sich jetzt vielleicht einige Leute. „Geht doch vielen Menschen so. So ist das halt“. Ja klar, so ist das halt und vielen Menschen geht es genauso. Das heißt aber nicht, dass ich die Umstände nicht trotzdem scheiße finden kann.

Meine Lieblings-Menschen sind die, die mir mit Argumenten kommen à la: „Ich weiß gar nicht, warum dich das so auslaugt, ICH habe ja damals …“. Oder auch: „Tss, 80 Seiten Masterarbeit? Meine Bachelorarbeit hatte schon 80 Seiten, das ist ja wohl wirklich zu schaffen“. Ja, sicherlich. Es ist zu schaffen. Das weiß ich, weil es viele Menschen gibt, die neben ihrem Vollzeitjob, familiären Verpflichtungen (sprich: Kindern) und/oder körperlichen Beeinträchtigungen ihre Masterarbeit geschrieben haben. Es ist nun auch nicht so, dass ich den Menschen in meiner Umgebung auf die Nase binde, dass ich mich in irgendeiner Form erschöpft oder sogar regelrecht ausgelaugt fühle. Ich funktioniere einfach weiterhin. Nichtsdestotrotz kommen die Fragen, wie es denn läuft mit der Masterarbeit, warum ich so angespannt wirke, warum ich so ruhig und so nachdenklich bin. Gerne dürfen mir Menschen diese Fragen stellen. Dann müssen sie aber auch eine ehrliche Antwort ertragen.

Ein Beispiel: Ein Mensch fragt mich, warum ich müde aussehe, ich antworte daraufhin , dass ich bis spät in der Nacht an meiner Masterarbeit geschrieben habe. Darauf erhalte ich eine Antwort in Richtung: „Stell dich mal nicht so an“. In diesen Momenten könnte ich …. Ja, was könnte ich? In solchen Momenten würde ich am liebsten der betreffenden Personen einen Vortrag darüber halten, dass manche Dinge aufgrund verschiedenster Umstände für andere Menschen anstrengender sind als für andere. Dass es natürlich Menschen gibt, die ihre Masterarbeit ohne große Schwierigkeiten meistern. Die ihr Studium Anfang 20 abgeschlossen haben und sich mit Mitte 20 erfüllt und glücklich und ohne Studienschulden in ihrem Traumjob wiederfinden.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Menschen, die gerne studieren würden, aber nicht können, weil es an Geld, an Sicherheit gebenden Strukturen oder auch an physischen und psychischen Kapazitäten fehlt. Und/oder Menschen von denen die Familie erwartet, dass sie möglichst schnell eine Ausbildung abschließen, um die Familie unterstützen zu können. Und sogar Menschen, die niemals das machen können, was sie gerne machen würden, weil es ihre Lebensumstände nicht erlauben. Ebenso wenig haben nicht alle Menschen das Glück, ihr Leben ohne behandlungsbedürftige Krisen zu bestreiten, die eventuell einen Einschnitt in einen sonst so perfekten Lebenslauf darstellen. Dazu muss ich sagen: Als weiße Person aus der Mittelschicht in einer stabilen Beziehung und ohne sichtbare Beinträchtigungen sind meine Alltagserfahrungen andere als beispielsweise die einer alleinerziehenden PoC ohne Schulabschluss.

Ich bin mir also über das Konzept „besserer“ oder „schlechterer“ Lebensumstände aufgrund von strukturellen Ungleichheiten bewusst. Allerdings ist das Kategorisieren in „bessere“ oder „schlechtere“ Lebenssituationen nicht der Punkt, an dem wir ansetzen sollten, wenn es darum geht, das (Er-)Leben aller Menschen erträglicher zu gestalten. Denn es hilft rein gar nichts – und zwar niemandem! – , wenn mir auf ein: „Ich habe Depressionen“ mit: „Andere Menschen arbeiten auch mit chronischen Krankheiten“, geantwortet wird. Erst einmal geht es um ein offenes, respektvolles, tolerantes Anerkennen „anderer“ Lebensumstände. Und darum, möglichst faire und gewaltfreie und gleiche Umstände für alle zu schaffen. Denn geht es nicht darum, Verständnis und Empathie aufzubringen? Anderen mit Toleranz und Offenheit zu begegnen? Ich sehe das so: Wenn dein Leben in irgendeiner Form „glatter“ verlaufen ist als meins: Super, freut mich. Hast du Schwierigkeiten im Alltag, die ich nicht habe? Ich bin da und unterstütze dich, wenn du das möchtest.

Wenn ich also – auf Nachfrage – über bestimmte Themen offen spreche – hat das nichts mit „jammern“ oder „Aufmerksamkeitssucht“ zu tun, liebe Mitmenschen. Das ist einfach die Realität. Und zum Glück leben wir in einer bunten Gesellschaft, in der Menschen mit verschiedensten Hintergründen, Biografien und Lebenseinstellungen aufeinandertreffen. Was ich also in solchen Momenten gerne sagen würde, wenn wieder mal die „stell dich doch nicht so an“-Keule geschwungen wird? Vielleicht so etwas in Richtung: „Eure unempathische, ableistische, unreflektierte Art kotzt mich an. Und es nervt mich, dass ihr mich mit euren unreflektierten, unempathsichen, ableistischen Argumenten zum Schweigen bringen wollt“. Oder was wollt ihr sonst? Worum geht’s hier eigentlich?

Das habe ich bis jetzt geschafft

Sorry für diesen Rant. Aber die Kälte, die Unreflektiertheit und die Engstirnigkeit vieler Menschen hat mich in den letzten Monaten so dermaßen angekotzt, dass nun der Punkt gekommen war, an dem ich mich mal kurz entladen musste. Nun kann es, nach einer wohlverdienten Weihnachtspause natürlich, weitergehen mit der Masterarbeit – mit klarem Kopf 🙂

Hier ein kurzer Zwischenstand zu meinem Drei-Monats-Projekt Masterarbeit:

Ich habe …

– ein neunseitiges Exposé geschrieben (das mir einige Arbeit abnimmt)

– einen festen Arbeitsplatz außerhalb meiner Wohnung organisiert (Stichwort: Work-Life-Balance)

– eine*n Betreuer*in gefunden (und auch noch meine*n Lieblings-Lehrende*n, juche!) und

– die Empirie vorbereitet und durchgeführt.

Als nächstes werte ich die erhobenen Daten aus und dann geht es an’s große Schreiben. Eine Sache steht jedoch immer noch an (neben der Tatsache, dass ich noch keine*n Zweitkorrektor*in habe): Die bösen unsortierten Ordner sind mittlerweile an die Uni umgezogen und warten immer noch darauf, sortiert zu werden. Langsam führt kein Weg mehr daran vorbei. Ich plane, Mitte nächster Woche damit loszulegen. Es geht also langsam, aber sicher vorwärts.

So soll es weitergehen

Eine weitere Sache spukt mir seit einiger Zeit im Hinterkopf herum. Und lange Zeit frage ich mich schon, ob ich über diese Sache schreiben sollte, oder die Entscheidung besser für mich selbst treffe. Und zwar beschäftige ich mich viel mit dem Publikum meines Blogs. Wer mitliest, für wen und ob meine Texte eigentlich wichtig sind. Ob ich in die richtige Richtung gehe. Ob Menschen meine Texte gerne lesen. Und ich merke, dass ich mich in den letzten Monaten immer öfter dafür entschieden habe, bestimmte Themen auf meinem Blog lieber nicht anzusprechen, aus Angst davor, was das für Konsequenzen in meinem Leben außerhalb der Internetblase haben könnte. Denn dass das Schreiben reale Konsequenzen hat, habe ich schon an einigen Stellen gespürt.

Und ich frage mich, ob es das wert ist. Und in welche Richtung ich im neuen Jahr gehen möchte. Eine Option ist es, nur ganz bestimmte Themen auf diesem Blog zu behandeln und zusätzlich einen neuen zweiten Blog aufzusetzen, der anonym ist und auch nicht in den sozialen Netzwerken erscheinen wird. Auf dem kann ich ganz frei schreiben, ohne Angst vor negativen Reaktionen haben zu müssen. Denn einige Themen, besonders meine Krankengeschichte und deren Ursachen, aber auch Politik sowie die Themen Freundschaft, Familie und Arbeit, behandele ich auf diesem Blog nicht so offen und ehrlich, wie ich gerne würde.  Um niemanden zu verärgern, zu verletzten, keine Besorgnis auszulösen, aber auch, um mich selbst nicht in eine Position zu bringen, in der ich mich rechtfertigen muss für meine Wahrnehmung der Welt, meine Geschichte, meine Persönlichkeit und so weiter und so fort.

Es wird sich also etwas ändern. Was genau? Ich habe (noch) keine Ahnung. Ich werde aber eine Entscheidung treffen, wenn ich mit meiner Masterarbeit so weit durch bin, dass ich mich auch wieder auf andere Dinge konzentrieren kann.

Erst einmal schöne Feiertage euch allen.

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http://notjanina.com/2017/12/25/update-was-ist-los/

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Was denkst du?

Beim ersten Teil schwinge ich absolut mit dir und danke dir für den Text. Für die Masterarbeit wünsche ich dir alles Gute.
Ich lese deinen Blog gerne und mag die Art wie du schreibst. Einerseits finde ich es schade, dass du dich selbst zensierst indem du hier nicht schreibst was du denkst und was dich bewegt, andererseits als Selbstschutz vermutlich unabdingbar wenn die Art der dir entgegengebrachten Kritik den Respekt vermissen lässt, auf dessen Grundlage es sich so schön diskutieren ließe. Gerade auch bei entgegengesetzter Meinung.

Deine Bedenken hinsichtlich des Publikums deines Blogs und der Wellen, die das Geschrieben wirft, kann ich gut verstehen. Es sind deine Gedanke und Geschichten, und du allein entscheidest, ob und wie du sie veröffentlichst. Das ist letztlich eine Entscheidung, die dir niemand abnehmen kann. Manche Themen sind immernoch mit Kommunikationsverboten belegt, und damit komme ich zum ersten Teil deines Artikels. Ich vermute, dass die Reaktionen, die du oben beschreibst, tatsächlich auch damit zu tun haben, dass die Menschen nicht über „so etwas“ wie Depressionen reden wollen. Ich will sie nicht in Schutz nehmen, ich finde die Reaktionen reichlich unempathisch. Vermutlich hat dieses Abkanzeln auch etwas damit zu tun, dass du Themen ansprichst, die in unserer Gesellschaft tabuisiert werden. Kurz: die anderen haben ein Problem damit, was du ansprichst, und suggerieren dir, dass du ein Problem hast.