Techno.Night.City

„Ich mein, Techno ist halt Techno und ein Club ist ein Club, egal, wo du hingehst“, so ein_e Freund_in, der ich post-umzugsgestresst meine Bedenken bezüglich des Nachtlebens in der bayerischen Landeshauptstadt anvertraute. Ich sehe das anders.

Clubs geben einen unverfälschten Einblick in die Mentalität der Bewohner_innen einer Stadt und in ihre Subkultur. Denn ab einer bestimmten Uhrzeit ist nichts ist so ehrlich und authentisch wie ein Haufen betrunkener und/oder bedrogter Menschen, zusammgefercht in einem dunklen Raum voll wummernder Bässe. Ein Club in Köln ist eben nicht gleich ein Club im Pott, ist kein Club in Berlin oder London oder Amsterdam. Und das ist gut so – wäre ja sonst auch schrecklich langweilig.

Da meine anfängliche durch den Umzug nach München ausgelöste „was-habe-ich-getan-was-suche-ich-hier-war-ich-in-den-letzten-Monaten-eigentlich-geistig-komplett-umnachtet“-Panikstarre beginnt, einer dezenten Neugierde zu weichen, freute ich mich umso mehr auf das Wochenende und die damit verbundene Möglichkeit Münchens Nachtleben zu erforschen. Zugegebenermaßen pessimistisch aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen ging ich vor meinem ersten Ausgehen in München bereits vom Schlimmsten aus: Da sind bestimmt nur unlockere, prätentiöse Menschen mit Stock im Poppes unterwegs, die keinen Spaß haben können und nur so tun als ob. Um es gleich vorwegzunehmen: Komplett falsch lag ich mit dieser Einschätzung nicht. Zumindest was Teil eins meiner Club-Erfahrung in der Münchner Technoszene anbelangt. Aber immer schön (bayerisch züchtig und ordentlich) der Reihe nach.

Los geht der Abend in einer WG, in der selbst gerne auflegende Menschen die Zweidrittelmehrheit bilden. Dort bin ich zunächst einmal (durchaus positiv) überrascht davon, gar nicht mal so schlechtes Equipment in voller Aktion vorzufinden. Ich werde darüber aufgeklärt, dass der gute Sound von zwei Pioneer XDJ-700 Mediaplayern und einem Xone:22 Mischer von Allen & Heath kommt.

Die Zweidrittelmehrheit wechselt sich beim Auflegen ab, während der Rest der Anwesenden trinkt und plaudert. Ziemlich entspannt und wirklich nett beim Vor-Feiern mal keine Spotify-Playlist über kratzige Laptop-Lautsprecher hören zu müssen oder das altbekannte „finde-den-Song-bei-YouTube-bevor-eine-Pause-zwischen-zwei-Tracks-entsteht“-Suchspiel zu spielen. Die Zweidrittelmehrheit legt demnächst übrigens auch auf einem kleinen, semi-legalen Festival im Münchener Umraum auf. Man darf gespannt sein.

Vielleicht liegt es an der guten Musik oder der entspannten Atmosphäre, aber deutlich später als ich es gewöhnt bin machen wir uns gegen 3.30 Uhr auf Richtung Innenstadt. Ziel: die Rote Sonne am Maximiliansplatz (Facebook-Bewertung 4,3 von 5). An diesem Abend gibt es eine Veranstaltung aus der seit 1996 stattfindenden Reihe „World League“, die die – nach Angabe der Veranstalter_innen – „besten DJs der Welt“ in verschiedene Münchener Locations bringt. So unter anderem schon David Morales, Carl Cox, Ricardo Villalobos, DJ Koze und Tiefschwarz. An diesem Abend legt Gregor Tresher auf, der momentan auf Promo-Tour zur Veröffentlichung seines fünften Albums Quiet Distortion ist. Auf diesem „zelebriert er in gewohnter Brillanz den Superlativ mit packenden Basslines und perfektionierter Balance zwischen Reduktion und Melodie“. Sagt jedenfalls der Veranstalter in schönstem PR-Slang.

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 So weit, so vielversprechend. Was mir leider im Vorfeld entgangen ist, ist die Tatsache, dass die Veranstaltung auf Facebook mit dem Zusatz „Oktoberfest Session I“ angekündigt wurde. So heißt es dort unter anderem: „Zur Wiesn wird Gregor Tresher Euch mit einem extra langen Set auf eine musikalische Reise in den (Bier-) Himmel schicken. Oans, zwoa, g´raved werd!“. Ja mei, woas a Spaß. Des schreit ja förmlich nach a Gaudi. Würde ich sagen, wenn ich ein_e Freund_in des Oktoberfests wäre.

Denkbar ungünstig direkt neben dem Pacha – der schrecklichen Nachmache des bestimmt noch schrecklicheren Ibiza-Originals – gelegen, muss man auf dem Weg zur Sonne erst einmal über Alkoholleichen steigen. An dieser Stelle möchte ich euch, obwohl etwas am eigentlichen Thema vorbei, diese wunderbare Ein-Stern-Yelp-Review des Pacha nicht vorenthalten:

Ins Pacha geh ich nur, wenns gar nicht anders geht, der Club ist zwar grundsätzlich schön eingerichtet und hat eine schöne Terasse [sic!] draußen, das reißt es aber leider nicht raus. Fast noch schlimmer als im P1 finde ich die Leute, die mehr Wert auf Äußerlichkeiten legen, als auf alles andere. Hier findet man die richtigen Tussies [sic!], die sich gegenseitig erst mal von der letzten ShoppingTour [sic!] berichten müssen, und einen Vergleich ihrer künstlichen Fingernägel ziehen. Und um das perfekte Foto für Facebook oder Clubstars zu schießen, haben auch alle Grils [sic!] stets ihre Digicam in der einen und den Longdrink in der anderen Hand. Hier geht man hin, wenn man House und monotonen Elektro [sic!] gut findet. Eine ausgelassene Partystimmung und offene Leute sucht man dort vergeblich. Wer dafür auch noch gutes Geld ausgeben möchte, ist selbst schuld.

 Aufgrund der ungünstigen geografischen Lage fallen nicht nur einige der ominösen, stets mit Longdrink bewaffneten Grils™ in unseren Club ein, sondern auch nicht wenige nach Pacha-Stammgästen aussehende Herren. Erkennbar an enthaarten, eingeölten Brustmuskeln, die aus weißen V-Neck-Shirts hervorschauen, stacheligen Gel-Frisuren und sonnenbankverbrannten Gesichtern. 

Apropos: Botox scheint in München noch so angesagt zu sein wie eh und je. Diejenigen, die nicht nach der Wiesn nochmal kurz zuhause waren, um sich in ihr schönstes Club-Outfit zu werfen, kommen einfach direkt in Dirndl und Lederhosen. 10 € Eintritt – Standard-Großstadt-Preis und zu verkraften. Alle sind irgendwie „drüber“ und rempeln rücksichtslos auf dem Weg zum Klo, den Freund_innen, vors DJ-Pult, zur Bar um sich.

Anstatt Nebel gibt es eine Art Windmaschine, die in regelmäßigen Abständen zwar unangenehme Gerüche von der Tanzfläche pustet, mich aber eher dazu bringt mich wie in einem Mariah-Carey-Musikvideo zu fühlen, anstatt in Techno-Laune zu kommen. Anstrengend. Ich flüchte auf die Toilette. Statt Graffitis, Wasserlachen und benutzen Tampons auf dem Boden hygienische Reinheit und Marmor-Waschbecken. Eigentlich erfreulich, in meinem Denken ist eine Party aber erst richtig gut, wenn mindestens ein Klo überläuft, es fünf Menschen auf magische Art und Weise schaffen sich in eine Kabine zu quetschen und der Boden so siffig ist, dass er eklige Schmatzgeräusche beim Drüberlaufen von sich gibt.

Jedoch: Nach anderthalb Stunden, es ist mittlerweile 5.30 Uhr, wechselt der Ton des Sets von houseigeren zu treibenden, härteren Beats, was den positiven Nebeneffekt hat, die meisten Trachtenträger_innen vor die Tür zu setzen. Schon besser. Als der Club um 6 Uhr schließt, beschließe ich mit 50 % der Zweidrittelmehrheit im MMA in der Katharina-von-Bora Straße bei Anthony Parasole – Lucy and more, einer Veranstaltung des Techno/House/Dub-Labels Stock5, vorbeizuschauen. Auf dem Weg dorthin bekomme ich Nachhilfeunterricht in bayerischer Mundart. Wir lächeln anscheinend süß und sehen niedlich aus, denn der Türsteher bezeichnet uns als „süße Hasen“ und lässt uns umsonst rein. Genau richtig zum Set von Aatis, dem DJ-Duo Jonas Friedlich und David Goldberg.

Nicht nur das dubbige, von Jungle inspirierte Set trifft eher meinen Geschmack als das houselastige von Tresher, sondern auch das Publikum und die Location geben mir auf Anhieb ein wohliges Gefühl. Sehr schwarz, viel Beton, ein düsterer langer Gang in den eigentlichen Club (ich schlucke kurz die Panik herunter und beschließe mir den Abend von meinem Kopf nicht verderben zu lassen), eine nette Mischung aus Hipster-Goths und Alt-Raver_innen. Und genau die richtige Menge Nebel, yay. Bis auf einen ekligen Arschgrabscher ist hier alles perfekt.

Gerne würde ich Fotos schießen, da einige Leute bei ihren Outfits echt kreativ geworden sind, habe aber keine Lust auf lange Erklärungen, mögliche Diskussionen mit dem Personal und umständliches Rumgefummel mit meiner Kamera. Halb-Zweidrittel und ich tanzen bis um 8 Uhr Schluss ist und kehren glücklich und zufrieden in die Realität zurück (aka „verstecken uns hinter unseren Kapuzen vor dem viel zu grellen Tageslicht und fallen in die U-Bahn“). Insgesamt ein unterhaltsamer, aufschlussreicher Abend voller Kontraste. Gerne mehr davon. Ich bin gespannt darauf, was Münchens Technoszene sonst noch hergibt.

Habt ihr Ausgehtipps? Immer her damit 🙂

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https://notjanina.com/2016/09/27/techno-night-city/

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[…] Tempest, Warpaint und natürlich Hercules & Love Affair. Trotzdem freue auch ich* als „Techno zum Tanzen Hörer*in und Nicht-Spezialist*in“ auf das B2B-Set von Âme und Rødhåd, Dixon und natürlich […]

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