Damit du es nicht tun musst: Oktoberfest 2017

Was sagen Therapeut*innen, wenn man in pathologisch-ungesunde Verhaltensmuster zurückrutscht? Okay, das klingt nach dem Anfang eines schlechten Witzes, deshalb verrate ich es dir einfach. Meistens raten sie dir dazu, dir deine Muster erst einmal bewusst zu machen und in einem zweiten Schritt aktiv gegenzuhalten. Wenn du also merkst, dass du zum Beispiel panische Angst vor einem ganz in deiner Nähe stattfindenden Volksfest (sprich: dem Oktoberfest) hast, bedeutet das aus Sicht von Therapeut*innen:

1. Werd dir darüber klar, dass der Gedanke an dieses Fest dir Angst macht und bemerke, dass du alles, was damit zu tun hat, vermeidest.

2. Frag dich, warum du das tust.

3. Frag dich, ob du gerade zufrieden mit deiner Situation bist. (Falls ja, kannst du bei Schritt drei aufhören. Fall dich deine Situation ankotzt, gehe über zu Schritt vier:)

4. Geh in die Offensive.

Wie dieses „in die Offensive gehen“ dann genau aussieht, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und hängt von vielen Dingen ab. Zum Beispiel: Wie gut kennst du dich, bist du in Therapie, nimmst du Medikamente, wie geht es dir körperlich, wie ist deine finanzielle Situation, hast du ein soziales Netz, kannst du mit Menschen reden? All das beeinflusst, wie schnell es dir besser geht/gehen kann.

Oktoberfest: Saufen mit Tradition

Zurück zum Thema: Ich weiß schon lange, dass ich das Konzept „Volksfest“ scheiße finde – egal, wie traditionell dieses oder jene Fest auch sein mag. Und dass ich mit Bräuchen und Tradition nichts, absolut gar nichts anfangen kann, war mir auch schon klar bevor ich nach Bayern gezogen bin.

Aber seitdem ich in München wohne, wird mir immer mehr bewusst, wie wenig ich mit Saufgelagen unter dem Deckmantel der Tradition anfangen kann. Wenn Wiesn ist, liegt überall Kotze auf den Straßen, Menschen torkeln schon morgens besoffen durch die Gegend und benehmen sich mehr als nur daneben. Seit letzter Woche hat meine Abneigung der Wiesn gegenüber aber neue Ausmaße angenommen.

Der Grund: Auf dem Weg zum Münchner Hauptbahnhof bin ich in eine*n schwankende*n Wiesnbesucher*in gerannt, der*die laut lallend eine andere Person rassistisch beleidigte. Ich wollte nicht zu den Leuten gehören, die mal wieder nur doof daneben stehen und die Klappe halten. Besonders nach der Bundestagswahl finde ich es wichtig, den Mund aufzumachen und Zivilcourage zu zeigen. Dafür wurde ich prompt mit einer Ohrfeige und Spucke im Gesicht belohnt.

Rassistische Kackscheiße von sich geben und dann noch Menschen bespucken und schlagen?

Natürlich habe ich mir das nicht gefallen lassen. Dem Menschen habe ich erst einmal reflexartig ebenfalls eine Ohrfeige verpasst und danach dafür gesorgt, dass er*sie von der nächsten Polizeistreife mitgenommen wird. Besoffen durch die Straßen laufen, rassistische Kackscheiße von sich geben und dann noch Menschen bespucken und schlagen? Bitte nicht.

Obwohl ich in der Situation das Richtige getan habe, ist doch ein gewisser Rest Angst zurück geblieben. Angst, mich nicht mehr frei bewegen zu können. Angst, in einem Land zu Leben, in dem so ein Verhalten toleriert wird – schließlich standen genug Menschen daneben und haben zugeschaut. Und Angst, dass es anscheinend immer normaler wird, Rassist*in zu sein.

Aber auf Angst haben, habe ich einfach keine Lust mehr. Ich hatte schon oft genug Angst. Will ich nicht mehr. Ich lasse mir nicht vorschreiben, wann ich mich wo aufhalte und will mir auch im Alltag keine Gedanken um meine Sicherheit machen müssen.

Deshalb hab ichs getan. Obwohl ich gesagt habe, dass ich das nicht, niemals, niemals nie machen würde.

Ich war auf dem Oktoberfest.

Meine persönliche Offensive.

Anstatt mich jetzt von Vollidioten einschüchtern zu lassen, habe ich meine Angstvorstellung von der „anonymen sexistisch-rassistischen-gröhlend-besoffenen Masse der Wiesngänger*innen“ überwunden. Indem ich mich selbst davon überzeugt habe, dass das Oktoberfest nicht anders ist, als jedes andere Volksfest auch. Und ich muss sagen: Es war okay – ich wurde nicht angequatscht, angegriffen oder angegrapscht. Dazu muss man aber auch sagen, dass ich an einem verregneten Sonntagvormittag dort war. An einem Samstagabend könnte die Situation schon wieder ganz anders aussehen. Muss ich diese These überprüfen? Äh, nein.

Hier ein paar Highlights von meinem ersten Wiesn-Besuch – ich wünsch dir viel Spaß damit.

 

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https://notjanina.com/2017/10/01/selbstversuch-oktoberfest/

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[…] Clubs verbracht habe, aber: Ich bin gerne in der Natur. Ich mag Bäume und Blumen und Wiesen (nicht diese hier). Und ich mag flauschige Tiere, die ich streicheln darf. In München gibt es einen wunderschönen […]

[…] tun musst“. Während ich mich bisher für meine Selbstversuche zwar intensiv – zuletzt zum Beispiel auf dem Oktoberfest – gequält habe, war der Schmerz und die Scham wenigstens nach ein paar Stunden vorbei. Text […]